Kolumne

Intelligenz und Alter

Wer fällt - etwa bei Finanzfragen oder in einem Unternehmen - die besseren Entscheidungen? Junge oder ältere Leute? Eine Studie über die Intelligenz im Alter gibt Aufschluss darüber.
14.10.2013 02:00
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Intelligenz und Alter
Bild: ZVG

Wie entwickelt sich die Intelligenz im Alter? Hierüber gibt es zwei konträre Auffassungen. Zum einen wird behauptet, dass wir mit zunehmendem Alter weiser werden. Ältere Menschen können beispielsweise ihre Emotionen besser kontrollieren, Konflikte besser lösen, besitzen mehr Lebenserfahrung und haben mehr Wissen angesammelt. Zum anderen lässt im Alter aber auch eine Reihe kognitiver Fähigkeiten nach, wie beispielsweise die Fähigkeit Informationen zu sammeln und auszuwerten.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob jüngere oder ältere Menschen bessere Entscheidungen treffen. Sollen Unternehmen von jüngeren oder älteren Managern geführt werden? Sollen wir jüngere oder ältere Politiker wählen? Sollen wir unser Vermögen jüngeren oder älteren Vermögensverwaltern anvertrauen?

Ye Li, Martine Baldassi, Eric J. Johnson und Elke U. Weber vom Center for Decision Sciences der Columbia Universität sind diesen Fragen im Rahmen einer empirischen Studie nachgegangen. Dabei wurden insgesamt 173 Personen zwischen 18 und 29 Jahren und 163 Personen zwischen 60 und 82 Jahren untersucht. Ausgangspunkt der Studie war die Erkenntnis, dass man zwei Arten von Intelligenz unterscheiden kann: fluide (oder flüssige) Intelligenz einerseits und kristalline (oder kristallisierte) Intelligenz andererseits.

Fluide Intelligenz umfasst die gehirnphysiologische Effizienz, die Schnelligkeit der Informationsverarbeitung, die Grösse des Arbeitsgedächtnisses, die Auffassungsgabe sowie die induktiven und deduktiven Problemlösungsfähigkeiten. Diese Fähigkeiten haben im jungen Erwachsenenalter ihren Höhepunkt und nehmen dann mit zunehmendem Alter kontinuierlich ab.

Kristalline Intelligenz umfasst das durch Ausbildung, Kultur und Lebenserfahrung erlernte Wissen. Dieses Wissen summiert sich mit zunehmendem Alter, erreicht etwa nach dem 60. Lebensjahr sein Maximum und bleibt danach in der Regel bis zum Lebensende weitgehend erhalten.

Beide Intelligenzarten entwickeln sich also mit zunehmendem Alter gegenläufig. Jüngere Menschen verfügen über vergleichsweise mehr fluide Intelligenz, ältere über mehr kristalline Intelligenz und umgekehrt. Da sich der Umfang beider Intelligenzarten positiv auf die Qualität menschlicher Entscheidungen auswirkt, stellt sich die Frage, ob ältere oder jüngere Menschen bessere Entscheidungen treffen.

Li, Baldassi, Johnson und Weber zeigen in ihrer Studie, dass ältere Menschen etwas bessere Entscheidungen treffen als jüngere. Dies zeigt sich vor allem bei Finanzfragen, wie etwa Vermögensanlagen oder Kreditentscheidungen, aber auch bei Gesundheitsfragen. Ältere Menschen sind in diesen Bereichen aufgrund ihrer grösseren kristallinen Intelligenz in der Lage, den Rückgang ihrer fluiden Intelligenz mehr als auszugleichen. So gesehen können wir uns also auf das Älterwerden freuen.