Kolumne

Investieren - Darum surfen Finanzkonzerne auf der grünen Welle mit

Das mittelalterliche Phänomen des Ablasshandels ist wieder hoch im Kurs. Wir beruhigen damit unser ökologisches Gewissen.
22.04.2019 21:40
Von Claude Chatelain
Darum surfen Finanzkonzerne auf der grünen Welle mit
Bild: Shane Wilkinson

 

Die Kolumne "Gopfried Stutz" erschien zuerst im 

 

Zum Fest der Auferstehung Jesu Christi wollen wir an ein düsteres Kapitel der römischen Kirche erinnern: den Ablasshandel. Eindrücklich dargestellt wurde das zweifelhafte Fundraising auch im Film “Zwingli”, der bekanntlich für den Schweizer Filmpreis in der Kategorie “Bester Spielfilm” nicht einmal nominiert wurde. (Er soll deshalb an dieser Stelle gelobt werden.)

Der Ablasshandel ist nicht nur ein Phänomen des Mittelalters. Er ist auch heute in der Umweltpolitik aktuell. Nehmen wir dazu ein fiktives Beispiel: Man fliegt hurtig nach London, zum Beispiel um einem Fussballspiel der Tottenham Hotspurs beizuwohnen. Und weil solches Tun aus ökologischem Verantwortungsbewusstsein ein schlechtes Gewissen hervorruft, kauft man Klimazertifikate, mit denen ökologisch sinnvolle Projekte finanziert werden.  

Werner Hertzog leitete von 2004 bis 2011 die Bundespensionskasse Publica. In einem Artikel mit dem Titel “Nachhaltiger Ablasshandel” stellt er fest, dass die Pensionskassen unter Druck geraten, um die Gelder der Versicherten aufgrund nachhaltiger Kriterien anzulegen. Das erinnert ihn an eine Art Ablasshandel: “Wir kaufen uns bei den Pensionskassen ein gutes Gewissen mit nachhaltigen Anlagen und haben einen Freipass, um uns individuell ohne Einschränkungen auszuleben - ökologischer Fussabdruck hin oder her”, so Werner Hertzog in der Fachzeitschrift “Schweizer Personalvorsorge”.

Dabei wäre nachhaltiges Konsumieren viel wirkungsvoller als nachhaltiges Investieren, meint Hertzog. Würden problematische Produkte nicht mehr konsumiert, dann würden diese Produkte nicht mehr hergestellt.

Interessant ist noch etwas anderes: Insbesondere die  Finanzindustrie lässt derzeit nichts unversucht, um mit grossem Marketingbudget auf der grünen Welle mitzusurfen.

Glauben Sie bloss nicht, die Banken hätten sich von der Schwedin Greta Thunberg oder all den streikenden Schülerinnen und Schülern vereinnahmen lassen. Die Finanzmultis haben das Geschäft mit nachhaltigen Anlagen schon längst entdeckt.

Die Finanzindustrie leidet nämlich darunter, dass private wie auch institutionelle Anleger zunehmend in passive Anlagen finanzieren. Mit solchen lässt sich nicht viel verdienen, denn hier erledigt der Computer, was bei einer aktiven Strategie eine teure Equipe von Analysten und Ökonomen bewerkstelligt.

Mehr Geld verdienen lässt sich jedoch mit nachhaltigen Anlagefonds, die für den Kunden zwar teurer, für die Banken dafür lukrativer sind als passive Anlagefonds, die eins zu eins einen Index abbilden.

Das erinnert mich an eine Episode, die mir ein Berufskollege erzählte. Der Kommunikationsexperte einer Grossbank, der für Nachhaltigkeitsprojekte um die Welt jettet, schwärmte an einem Anlass von seinem Veganertum, spottete über Fleischesser und prahlte, dass er sein Leben ja nur noch im Flugzeug verbringe.

Claude Chatelain

Claude Chatelain (geb. 1953) ist Kolumnist beim «SonntagsBlick». In der Kolumne «Gopfried Stutz» beschreibt er wöchentlich seine Beobachtungen auf dem Gebiet der Vorsorge, der Versicherungen und der Anlageberatung. Zuvor schrieb der langjährige Wirtschaftsjournalist für die Wirtschaftszeitung Cash und die «Berner Zeitung». Von 1991 bis 1998 betreute der studierte Ökonom im «Blick» die Ratgeber-Kolumne «Chatelain rät».