Kolumne

Kein Grundeinkommen? Bauen wir das Rentensystem um

Das Grundeinkommen ist abgelehnt worden, doch das Problem bleibt. Wie wär’s mit einem Umbau der Altersvorsorge von einem Sparsystem in eine Risikoversicherung?
27.06.2016 10:19
Werner Vontobel, Publizist und Buchautor
Kein Grundeinkommen? Bauen wir das Rentensystem um
Bild: ZVG

Digitalierung und Roboter bedrohen gemäss einer Studie die Hälfte aller Jobs. Ganz so schlimm kommt es vermutlich nicht. Tatsache ist jedoch, dass der Vollzeitjob und die Vollbeschäftigung längst nicht mehr die Norm sind. Die Arbeit geht uns zwar nicht aus, aber sie wird weniger und zunehmend prekär. Darauf muss sich unser Sozialversicherungssystem einstellen, sonst bricht nicht nur die Wirtschaft ein, sondern auch die Gesellschaft auseinander.

Genügen die Altersleistungen der AHV und der 2. Säule auch in Zukunft zur Sicherung des Existenzminimums? Um dies abzuklären hat die Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten eine Studie in Auftrag gegeben. Diese beziffert das Existenzminimum mit monatlich 3‘135 Franken für eine alleinstehende Person und mit 4‘517 Franken im Monat für ein Paar.  Die Antwort: Ja, es reicht bei auch bei einem niedrigen Lohn und mit einer Pensionskasse, die sich auf das BVG-Minimum beschränkt. Voraussetzung ist allerdings eine Vollzeitstelle.

Das klingt nur scheinbar beruhigend, denn – auch das zeigt die Studie – eine Vollzeitstelle ist längst nicht mehr die Norm, vor allem bei Frauen. Am Stichtag der Erhebung arbeiten 24,9% aller Befragten gar nicht. Das betrifft vor allem die Jungen und die älteren Semester ab 60. Weitere 14% arbeiten maximal 50%, etwa jeder Achte  absolvierte  ein Pensum zwischen 50 und 90% und nicht einmal die Hälfte arbeitet 90% oder mehr. Im Schnitt, bzw. über das ganze Berufsleben gesehen, ergibt dies ein Pensum von 65 bis 70%. Viele, vor allem die Frauen, liegen deutlich darunter.

Das wirkt sich aus: In der 2. Säule reduziert ein 70%-Pensum wegen den rund 25'000 Franken Koordinationsabzug die erwarte Rente um etwa 50%. In der AHV erreicht man die Maximalrente von 2350 Franken monatlich nur, wenn man monatlich 7000 Franken verdient. Mit einem 70%-Pensum schaffen das jedoch nur wenige. Die Studie konstatiert deshalb zu Recht: „Die Simulation zeigt, dass das System der Altersvorsorge in der Schweiz nichts verzeiht.“

Kommt dazu, dass die erwähnten Existenzminima von 3'135 bzw. 4'517 Franken nur ausreichen, wenn zwei zunehmend unwahrscheinliche Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind: Erstens müssen die Rentner rüstig sein. Ein Alters- geschweige denn Pflegeheim liegt nicht drin. Zweitens müssen sie von den ortsüblich übersetzten Mieten verschont bleiben.  Die Studie rechnet mit einer Miete von 1100 Franken für Alleinstehende und 1250 Franken für ein Paar. Zum Vergleich: Die zurzeit billigste 2.5-Zimmer-wohung in Zürich kostet 1700 Franken, 2500 Franken gelten immer noch als Schnäppchen.

Was schlägt die Studie vor? Nichts. Zumindest nichts politisch Unkorrektes sondern etwa dies: Die Frauen müssen bitte dafür sorgen, dass ihr Arbeitspensum möglichst nicht unter 70% fällt. Zu diesem Zweck sollten mehr erschwingliche Krippenplätze und steuerliche Abzüge  für externe Kinderbetreuung geschaffen werden. Und besonders hilfreich: Die Pensionskassen und die AHV sollen „ein Dokument erarbeiten, das jährlich zusammenfassend und auf verständliche Weise die Altersvorsorgeleistungen aus der 1. und 2. Säule darstellt.“ Im Klartext: Sagt den Leuten rechtzeitig und offen, wie wenig sie zu erwarten haben.

Das ist zynisch. Fakt ist, dass wir ein Vorsorgesystem haben, das nicht mehr in die heutige Zeit passt. Sei ist wie eine Hagelversicherung für Schönwetterlagen. Seit den frühen Achtzigerjahren als die 2. Säule ausbaldowert und damit das aktuelle Rentensystem begründet wurde, ist die Produktivität um 35% gestiegen und die Erwerbsquote der Frauen hat sich von 34 auf 55% erhöht. Unter diesen Umständen sind Vollzeitjobs für alle eine Illusion. So viel Produktion hält weder unsere Konsumlust  noch die Umwelt aus und eine weitere massive Steigerung unserer eh schon lächerlich hohen Exportüberschüsse liegt auch nicht drin.

Daran dürfte sich auch in der Zukunft nichts ändern. Auch  wenn uns keine technologische Revolution bevorsteht und sich die Produktivität und die Arbeitszeit bloss so weiter entwickelt, wie bisher, wird die durchschnittliche Arbeitszeit bis 2052 (das Jahr, in dem der hypothetische Rentner der Studie  in Pension geht) um weitere gut 4 Wochenstunden gesunken sein. Statt dem 70- wird dann das 60 oder gar 55%-Pensum die Norm sein. Genauer gesagt, das durchschnittlich zu erwartende Arbeitspensum wird dann etwa um 25 Wochenstunden schwanken.

Genau darauf muss sich unser Altersvorsorgesystem einrichten. Es muss so konzipiert sein, dass es bei einem durchschnittlichen Pensum (von heute rund 30 und demnächst bald nur noch 25 Wochenstunden) auch bei einem unterdurchschnittlichen Lohn eine existenzsichernde Rente generieren kann.

Und wie soll man das finanzieren? Erste Antwort: Wir können es uns gar nicht leisten, dies nicht zu finanzieren. Die Wirtschaft ist auf den Konsum der Rentner dringend angewiesen. Erstens konsumiert die Schweiz gemessen an der Produktionskraft ohnehin gut 10% zu wenig und die Rentner verbrauchen pro Kopf eh schon 10% weniger als die Aktiven. Wenn sie um ihre Rente fürchten müssen, schmilzt ihre Konsumlust wie das Gletschereis in der Sommerhitze.

Zweite Antwort: Wir finanzieren die Altersvorsorge indem wir sie als Risikoversicherung organisieren – analog zur Krankenversicherung. Versichert wird das Risiko, weniger als ein durchschnittliches Pensum (heute etwa70%) arbeiten zu können. Wer das Glück hat, mehr Arbeit zu ergattern, zahlt mehr. Konkret: Die Lohnprozente werden auf dem vollen Lohn erhoben, versichert ist jedoch nur der Lohn eines 70%-Pensums. Bei der Krankenversicherung läuft es gleich: Wer das Glück hat, gesund zu bleiben, zahlt (gerne) zu viel und kommt nicht auf die Idee, seine ungenutzten Prämien zurück zu fordern.

Eine solche Risikoversicherung bringt ein hohes Mass an Umverteilung (von den Voll- zu den Teilzeitern) mit sich. Das mögen nicht alle. Das einfachste Mittel, die Umverteilung zu begrenzen, besteht darin, die offiziellen Arbeitszeiten zu senken. Auch darüber müsste wieder vermehrt nachgedacht werden.

Werner Vontobel

Werner Vontobel ist Redaktor/Autor beim Sonntagsblick und als Kolumnist für diverse Ringier-Medien tätig, so für den «Blick am Abend». Vontobel war als Korrespondent in Brüssel und bei cash, der Weltwoche, beim Tages-Anzeiger und bei der SonntagsZeitung tätig. Vontobel ist Autor von Büchern wie «Schurkenstaat Schweiz?», «So funktioniert die Wirtschaft» oder «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt».