Kolumne

Konjunktur - Wenn die UBS uns die Zukunft voraussagt

In der griechischen Mythologie hatten wir die Orakel. Heute gibt es dafür die Ökonomen.
16.07.2018 09:35
Von Claude Chatelain
Wenn die UBS uns die Zukunft voraussagt
Bild: Shane Wilkinson
Die Kolumne "Gopfried Stutz" erschien zuerst im 

 

Mein Kollege Moritz Kaufmann berichtete kürzlich im SonntagsBlick darüber, wie Spezialisten der UBS mit statistischen Methoden vorhersagten, wer Fussballweltmeister wird. Deutschland sei der wahrscheinlichste WM-Sieger, hatten sie mit ökonometrischen Methoden herausgefunden. Zudem werde Argentinien mit einer Wahrscheinlichkeit von 74 Prozent das Gruppenspiel gegen Kroatien gewinnen.

Dass es anders kam, wissen wir. Schuster, bleib bei deinem Leisten, ist man geneigt zu sagen. Fussball gehört nicht zum Kerngeschäft der Banken. Doch von welchem Leisten sprechen wir im Zusammenhang mit der UBS? Welche Prognosen sind ihr Kerngeschäft? Etwa Konjunkturprognosen?

Die Konjunktur beeinflusst die Gewinne der Unternehmen, sie wiederum sind relevant für die Aktienkurse. So erklärt uns die UBS jeweils, wie sich die Konjunktur in ein, zwei Jahren entwickeln wird. Ihre Kunden sollen daraus ableiten können, wie weit sie sich in Aktien engagieren möchten.

Sind Konjunkturprognosen der UBS treffsicherer als ihre Vorhersagen über den Ausgang einer Fussball-WM? Klaus Wellershoff war früher Chefökonom der UBS und in dieser Funktion so etwas wie der oberste Prognostiker. Heute leitet er eine Beratungsfirma und will von solchen Vorhersagen nichts mehr wissen.

Besonders kritisch ist der 54-Jährige gegenüber dem "wiederkehrenden Ritual der Herbstprognosen", in dem man den Ausblick für das Wachstum des kommenden Jahres publiziert. Das schreibt er in seinem kürzlich erschienenen Buch mit dem wohltuenden Titel "Plädoyer für eine bescheidenere Ökonomie". Darin spricht Wellershoff den Ökonomen die Prognosefähigkeit ab. Den Job bei der UBS habe er aufgegeben, erklärte er im Radio SRF, "weil ich die Schnauze voll davon hatte, Prognosen abgeben zu müssen, die man gar nicht machen kann". Wahr ist: Prognostizieren kann man immer. Die Frage ist nur, was es nebst medialer Aufmerksamkeit bringt.

Wenn die UBS im Vorfeld einer Fussballweltmeisterschaft mit ökonometrischen Modellen den wahrscheinlichsten Gewinner vorhersagen will, so mag das eine spielerische Note haben. Wenn aber Ökonomen mit Konjunkturprognosen ebenso daneben treffen wie die deutschen Fussballer in Russland, so ist das etwas anderes. Ihre Voraussagen führen zu Anlageentscheiden oder sogar zu wirtschaftspolitischen Massnahmen.

Ich erinnere daran, wie die Auguren nach Aufhebung des Euro-Franken-Mindestkurses Mitte Januar 2015 den Teufel Rezession an die Wand malten. Flugs erfolgte der Ruf nach wirtschaftspolitischen Förderprogrammen. Die Rezession blieb aus. Der einflussreiche tschechische Ökonom Tomas Sedlacek sagte einmal: "In der griechischen Mythologie hatten wir die Orakel. Heute gibt es keine Orakel mehr, aber wir haben die Ökonomen."

Claude Chatelain

Claude Chatelain (geb. 1953) ist Kolumnist beim «SonntagsBlick». In der Kolumne «Gopfried Stutz» beschreibt er wöchentlich seine Beobachtungen auf dem Gebiet der Vorsorge, der Versicherungen und der Anlageberatung. Zuvor schrieb der langjährige Wirtschaftsjournalist für die Wirtschaftszeitung Cash und die «Berner Zeitung». Von 1991 bis 1998 betreute der studierte Ökonom im «Blick» die Ratgeber-Kolumne «Chatelain rät».