Kolumne

Mit Gesetz zu konfuzianischen Tugenden

Die traditionelle Grossfamilie in Asien ist Vergangenheit. Das gilt insbesondere für China.
15.07.2013 05:00
Peter Achten, Asienkorrespondent
Mit Gesetz zu konfuzianischen Tugenden
Bild: ZVG

Das rasante Wirtschaftswachstum und die Ein-Kind-Familien-Politik der letzten drei Jahrzehnte haben in China zu sozial tiefgreifenden Umwälzungen geführt. Die Folgen sind nur schwer abzusehen. Schon heute sind 14,5 Prozent der Bevölkerung oder 200 Millionen Chinesinnen und Chinesen im Rentenalter. Und das soziale Netz ist nur grobmaschig ausgestaltet. Bis zur Mitte des Jahrhunderts rechnen chinesische Bevölkerungswissenschafter mit fast einer halben Milliarde Rentnern oder 33 Prozent der Bevölkerung.

"Fast die Hälfte der Alten über 60 Jahre", stellt die amtliche Nachrichten-Agentur Xinhua (Neues China) besorgt und tadelnd fest, "lebt heute getrennt von ihren Kindern." Eine solche Feststellung ist in einem Land, das wieder dem Konfuzianismus verpflichtet ist, vernichtend. In der Tat, die ländliche Jugend etwa - weit über 200 Millionen Wanderarbeiter - zieht es in die Städte. Die Alten bleiben zurück auf den Dörfern. Die städtische Jugend wiederum ist mobil oder die städtischen Wohnverhältnisse für eine Grossfamilie zu eng. Die Alten werden, wenn auch mit schlechtem Gewissen, immer mehr ins Altersheim abgeschoben. Kurz, die Realitäten des modernen chinesischen Alltags stehen im Widerspruch zur Tradition von Meister Kong.

Da die staatliche Vorsorge noch rudimentär ist und bis zur Jahrhundertmitte kaum auf ein Niveau vergleichbar mit der luxuriösen Schweizer AHV angehoben werden kann, versucht die Regierung jetzt mit einem Gesetz, der Jugend die konfuzianischen Tugenden der Ehrfurcht vor den Alten im Allgemeinen und der Eltern im Speziellen in Erinnerung zu rufen.

Das Gesetz, im Dezember vom Ständigen Ausschuss des Nationalen Volkskongresses verabschiedet, ist Anfang Juli in Kraft getreten. Das neun Paragrafen umfassende Gesetz trägt den Titel "Schutz der Rechte und Interessen der alten Menschen" und definiert die Pflichten und Dienste der Kinder für die "spirituellen Bedürfnisse der Alten". So müssen nach dem Gesetz die Kinder "oft" ihre Eltern besuchen und "ab und zu" Grüsse schicken. Unternehmen, Fabriken und Verwaltungen sollen den Kindern "genügend Zeit" für Elternbesuche einräumen. Das flauschig formulierte Gesetz sieht explizit keine Strafen vor. Immerhin, die moralische konfuzianische Pflicht, tief im kollektiven chinesischen Unterbewusstsein verankert, ist zur legalen Pflicht geworden.

Es ist wohl kein Zufall, dass - kaum war das Gesetz in Kraft - auch schon der erste Fall vor Gericht verhandelt wurde. Eine 77 Jahre alte Mutter verklagte Tochter und Schwiegersohn wegen "Vernachlässigung". Richter Yuan Ting in der Stadt Wuxi (Provinz Jiangsu) sprach ein konfuzianisches Urteil. Die Angeklagten müssen die Mutter alle zwei Monate besuchen und darüber hinaus noch eine Kompensation bezahlen. "Mentale Unterstützung", so Richter Yuan zur Nachrichten-Agentur Xinhua, "ist ein wichtiger Aspekt in der Verteidigung der Rechte und Interessen alter Menschen."

Zum Urteil meint mein Nachbar, der 83 Jahre alte Wittwer Ren Shijie, dass Ehrfurcht vor den Eltern nach alter konfuzianischer Tradition selbstverständlich sei. Dazu brauche es doch kein Gesetz. Ren hat Glück. Als ehemaliger Beamter im Aussenministerium bekommt er eine ansehnliche Rente. Er wohnt bei seinem Sohn - einem von vier Kindern -, der gut verdient und sich deshalb eine grosse Wohnung samt Haushaltshilfe rund um die Uhr leisten kann. Aber Ren ist die Ausnahme. Auf dem Land müssen Alte mit magersten Renten auskommen. Ihre Kinder, die Wanderarbeiter, sehen sie mit Glück einmal im Jahr zum Frühlingsfest.

Die Altersvorsorge ist für Partei und Regierung ein grosses Problem. Zhang Zuwei von der Akademie der Sozialwissenschaften formuliert es so: "Mit der jetzigen Geburtenrate altert China im internationalen Vergleich sehr schnell." Das Wachstum der Bevölkerung werde in rund zehn Jahren den Scheitelpunkt erreicht haben, doch schon in wenigen Jahren werde die arbeitende Bevölkerung abnehmen. Die Konsequenzen sind absehbar: Arbeitskräftemangel, steigende Löhne, sinkender internationaler Wettbewerbsvorteil. Mit andern Worten läuft China - ökonomisch ausgedrückt - schnurstracks in die "Falle des mittleren Einkommens". Wie eine einigermassen ausreichende Altersvorsorge zu finanzieren ist, weiss heute niemand. Weder Konfuzius noch Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao Dsedong oder Deng Xiaoping sind dabei hilfreich. Pekings roten Mandarine sind mit der Tatsache konfrontiert, dass China - im Gegensatz zu den westlichen Industrienationen - bevor reich zuerst grau wird.

 

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.