Kolumne

Schafft China nächsten Wachstumsschritt?

Die Schwellenländer erzielten im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts sagenhaft hohe Wachstumsraten. Es war das Jahrhundert-Wachstum. Können sie diese Errungenschaft in die Zukunft retten?
19.08.2013 02:00
Peter Achten, Asienkorrespondent
Schafft China nächsten Wachstumsschritt?
Bild: ZVG

In der Folge der euro-amerikanisch-japanischen Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich die Stimmung betreffend den wirtschaftlichen Aussichten der Schwellenländer eingetrübt. Bodenloser Pessimismus als Reaktion auf den blinden Optimismus der letzten zehn Jahre ist dennoch nicht angezeigt. Sicher, das rasante Wachstum der grossen Schwellenländer – von Goldman Sachs zu Beginn der Jahrhunderts als BRICS (Brasialien, Russland, Indien, China, Südafrika) apostrophiert – hat sich wegen sinkender globaler Nachfrage nach Gütern und Rohstoffen zum Teil massiv verlangsamt. Doch das BRICS-Wachstum im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ist eine historische Ausnahme.

Viele Ökonomen, die vor kurzem noch die Schwellenländer über allen Klee gelobt haben, verfallen nun ins Gegenteil und sehen bereits die grosse Gefahr in der "Falle des Mittleren Einkommens". Gewiss, das ist eine von vielen Möglichkeiten, dennoch aber – sofern Wille zu Reformen vorhanden – nicht die wahrscheinlichste.  Die Falle schnappt ökonomisch gesprochen dann zu, wenn die Vorteile wie billige Arbeitskräfte, billiges Land und billiges Kapital nicht mehr greifen, weil nach längerer Zeit steilen Wachstums nun nur noch Innovation und Produktivitätsfortschritte die Volkswirtschaft weiter bringen können. Mit andern Worten, ein Schwellenland in der "Falle des Mittleren Einkommens" kann wegen der wachsenden Lohnkosten in der Produktion nicht mehr mit Billiglohnländern konkurrieren, ist aber wegen fehlender Inovation und Mangel an neuester Produktionstechnologie noch nicht fähig, mit Industrieländern in den Wettbewerb zu treten. Das Wachstum flacht ab, der Wohlstand über das erreichte mittlere Einkommen – 10'000 bis 16'000 Dollar per capita per annum – hinaus kann nur noch marginal gemehrt werden.

Zur Überwindung der Falle des Mittleren Einkommens sind, wie die jüngere Geschichte zeigt, ein ganzes Bündel von Struktur- und Finanz-Reformen nötig. Nationen wie Japan, Südkorea, Singapur, Taiwan aber auch Honkong, Thailand, Vietnam oder Indonesien haben ihre wirtschaftliche Aufholjagd zunächst mit importierter Technologie – nebst billiger Arbeit, Investitionen aus dem Ausland, wohlfeilem Kapital und Land – begonnen. Seit der Industriellen Revolution vor zweihundert Jahren nämlich waren und sind Europa und die USA die globalen Trendsetter in Technologie und Industrie. Die Nachzügler profitierten von den Innovationen der fortgeschrittenen Industriestaaten. Von einem tiefen Niveau aus wuchsen sie so beträchtlich schneller als die Industriestaaten, und das – wie die Beispiele Japans und Chinas zeigen – über zwei bis drei Jahrzehnte hinweg.

Das Pro-Kopf-BIP Chinas beträgt heute rund 20 Prozent jenes der USA, also knapp im Bereich des Mittleren Einkommens. Dieser Unterschied zu den USA entspricht historisch gesehen jenem Japans 1951, Singapurs 1966, Hongkongs 1971, Taiwans 1975, Südkoreas 1977 und Indiens 1992. Japan oder die sogenannten Tiger- oder Drachenstaaten Südkorea, Singapur, Taiwan und Hongkong haben die Falle mit mannigfaltigen Struktur- und Marktreformen erreicht und überwunden. Zumal die Privatwirtschaft, die Erziehung, Forschung und Entwicklung sowie der Banken-Finanzbereich waren dabei massgebend.

China mit der neuen Führung unter Staats- und Parteichef Xi Jinping und Premierminister und Ökonom Li Kejiang versucht, das chinesische Wirtschaftswunder der letzten 34 Jahre in die Zukunft hinüberzuretten. Tiefgreifende Strukturreformen werden vorbereitet. Bereits Wen Jiabao, von 2003 bis 2013 Chinas Premier, hatte gewarnt, dass Chinas Wirtschaftswachstum "unausgeglichen, instabil unkoordiniert und nicht nachhaltig" sei. Das neue Wirtschaftmodell soll sich also  stützen auf Innovation, neuen Produktionstechnologien, Erziehungs- und Universitätsreform sowie Finanz- und Bankenreform, Förderung der Privatwirtschaft, Umstrukturierung der Staatsbetriebe und mehr Markt. Die Richtung: weg von einseitiger Abhängigkeit von Export und Investitionen, hin zu Innovation sowie mehr Binnennachfrage und Konsum.

Entschieden wird wie jedes Jahr am Parteiplenum im Herbst. Das diesjährige Partei-Powwow ist wohl das wichtigste der letzten zehn Jahre. Privilegien und Interessen der Parteielite, der Provinzfürsten oder der hohen Kader der Staatsbetriebe stehen auf dem Spiel. Die Beschlüsse werden zeigen, ob "die Falle" umgangen werden kann.

Viele im Westen werfen auch die Frage auf, ob denn zum Cocktail der Reformen zur Vermeidung der "Falle" nicht auch politische Reformen gehörten. Wegen des chinesischen Erfolgsmodells wird denn auch bereits herumgeboten, dass das westlich liberale, privat-kapitalistische Modell langsam vom östlichen autoritär-staatskapitalistischen Modell abgelöst werde. Die Frage ist unentschieden. Südkorea oder Taiwan beispielsweise verdanken ihren Aufschwung einem Regime, das autoritär, ja gar diktatorisch war und der Wirtschaft Staatskapitalismus pur mit Protektionsmus und Export-Subventionen verschrieb. Bei näherem Zusehen hin freilich zeigt sich, dass das von liberalen Ökonomen verhasste Prinzip damals  durchaus Sinn gemacht hat. Denn das staatliche Geld floss keineswegs flächendeckend in Staats- und Privatkonglomerate. Nur Grossunternehmen, die markante Produktivitätssteigerungen erzielt haben und auf dem internationalen Markt wegen ihrer Innovation erfolgreich waren, wurden unterstützt.

Nachdem in Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong die Falle des Mittleren Einkommens erreicht und dank Strukturreformen und Innovation übersprungen wurde, zerfiel das autoritäre Regime und machte einer wenn auch oft ruppigen oder zumindest beschränkten Demokratie Platz. Im Falle des Schwellenlands China ist die Rechnung noch offen. Seit gut zwanzig Jahren haben sich zumindest ansatzweise transparentere Regierungstrukturen und eine offenere Medienlandschaft durchgesetzt. Selbstverständlich will die allmächtige Kommunistische Partei ihr Machtmonopol behalten. Ob und wie das gelingen wird, bleibt abzuwarten. Nach Ansicht der Ökonomen Daron Acemoglu und James A. Robinson ist jener im Westen und Japan erreichte Wohlstand ohne "inklusive" politische Strukturen nicht möglich. Die Autoren des Buchs* belegen diesen Befund mit zahlreichen Beispielen aus der neueren und älteren Geschichte. "Alles einschliessende politische und ökonomische Institutionen" seien unverzichtbar, um der "Falle des Mittleren Einkommens" zu entkommen und um  nachhaltiges Wachstum und Wohlstand für alle zu erreichen.

*Daron Acemoglu, James A. Robinson: Why Nations Fail. The Origins of Power, Prosperity, and Poverty. Profile Books, New York 2012.

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.