Kolumne

So werden wir ehrlicher

Damit Menschen ehrlicher werden, müssen nicht unbedingt die Gesetze verschärft, die Strafen erhöht und die Strafverfolgung verstärkt werden.
21.05.2013 07:10
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
So werden wir ehrlicher
Bild: ZVG

Die prominenten Steuer- und Betrugsskandale der jüngsten Vergangenheit verdeutlichen ein grundlegendes Problem: Soziale Normen, Gesetze und Strafen reichen nicht aus, um aus allen Menschen in allen Lebenssituationen ehrliche Menschen zu machen. Jeder Mensch unterliegt der Versuchung, selbst dann eigennützig zu handeln, wenn er hierdurch anderen Schaden zufügt.

Ökonomen wie beispielsweise der Nobelpreisträger Gary S. Becker erklären dieses Verhalten mit Hilfe eines rationalen Entscheidungskalküls. Den Vorteilen unredlichen Verhaltens werden die erwarteten Nachteile gegenübergestellt. Diese Nachteile ergeben sich aus der möglichen Strafe multipliziert mit der Aufdeckungswahrscheinlichkeit. Wenn beispielsweise jemand die Möglichkeit hat, Steuern in Höhe von 20'000 Franken zu hinterziehen, wird er dies gemäss Becker tun, wenn die Strafe 200'000 Franken beträgt und die Aufdeckungswahrscheinlichkeit unter 10 Prozent liegt. Damit sich der Betreffende ehrlich verhält, muss die Strafe und/oder die Aufdeckungswahrscheinlichkeit erhöht werden. Genau in diese beiden Richtungen zielen die meisten Vorschläge derjenigen Politiker, die ihre Popularität in Zusammenhang mit prominenten Steuer-, Betrugs- und anderen Deliktfällen erhöhen wollen, indem sie höhere Strafen und eine effektivere Strafaufdeckung fordern.

Psychologen, Soziologen, Anthropologen und Verhaltenswissenschafter aus anderen Gebieten stellen diese Logik seit langem in Frage, weil sie unterstellt, dass Menschen bei ihren Entscheidungen, sich ehrlich zu verhalten oder nicht, nur die externen Vor- und Nachteile abwägen. Die Entscheidung, ob sich jemand ehrlich verhält oder nicht, wird aber nicht nur von externen Kosten-Nutzen-Abwägungen sondern auch von internen Motivationsmechanismen geprägt. Sigmund Freud hatte bereits darauf hingewiesen, dass wir von unserem Über-Ich, das die von uns internalisierten sozialen Werte und Normen verkörpert, belohnt werden, wenn wir diese Werte und Normen befolgen, und bestraft werden, wenn wir gegen sie verstossen. Aus dieser Perspektive verhalten wir uns in erster Linie ehrlich, um unser Selbstbild aufrechtzuerhalten. Vereinfacht gesagt verhalten wir uns also so, dass wir mit uns selbst zufrieden sind, wenn wir uns im Spiegel betrachten.

Sobald diese internen Motivationsmechanismen aktiviert sind, werden wir weniger anfällig für externe Kosten-Nutzen-Kalküle und die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns ehrlich verhalten, steigt. Damit Menschen ehrlicher werden, müssen also nicht unbedingt die Gesetze verschärft, die Strafen erhöht und die Strafverfolgung verstärkt werden. Häufig ist die Aktivierung der internen Motivationsmechanismen weitaus effektiver. Beispielsweise lässt sich die Steuermoral durch gezielte Aufklärungsprogramme über die Bedeutung der Steuereinnahmen für die soziale Wohlfahrt, durch die Vermeidung von Steuerverschwendung und durch den ausschliesslichen Einsatz der Steuergelder für sozial anerkannte Zwecke verbessern.

Allerdings besteht bei der Aktivierung interner Motivationsmechanismen die Gefahr, dass sie ausgehebelt werden, weil Menschen bei ihrer Selbstwahrnehmung zur Selbsttäuschung und damit zur Selbstgerechtigkeit neigen. Wenn wir beispielsweise Menschen fragen, ob sie überdurchschnittlich ehrlich sind, werden weit über die Hälfte mit Ja antworten. Da diese Selbsttäuschung unbewusst geschieht, kann sie weder durch externe Kosten-Nutzen-Kalküle noch durch interne Motivationsmechanismen begrenzt werden. Unehrliches Verhalten, das durch Selbsttäuschung begünstigt wird, lässt sich nur durch eine Einschränkung der betreffenden Handlungsspielräume, etwa durch Gewaltenteilung und strikte Kompetenzbegrenzungen, bekämpfen. Beispielsweise lässt sich Steuerselbstgerechtigkeit durch Quellenbesteuerung wirksam einschränken.

Leider konzentrieren sich die meisten Verbesserungsvorschläge im Zuge prominenter Steuer- und Betrugsfälle vorwiegend auf die externen Kosten-Nutzen-Überlegungen. Bevor man höhere Strafen und eine effektivere Strafaufdeckung fordert, sollte man aber auch die Möglichkeiten zur Aktivierung interner Motivationsmechanismen und zur Bekämpfung der Selbsttäuschung in Betracht ziehen.

 

Prof. Helmut Dietl

Helmut Dietl ist ordentlicher Professor für Services & Operations Management am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.