Kolumne

Stritti meint - Hundstage-Report

Stritti sinniert unter schattenspendenden Bäumen über die Verhunzung unserer Sprache.
18.07.2017 11:45
Hermann Strittmatter, VR-Präsident GGK Zürich
Hundstage-Report

Es muss wohl an der sommerlichen Hitze gelegen haben, dass ich vorerst glaubte, ich hätte mich verlesen. Ein Plakat der Firma Galaxus, irgend ein mickriges (Küchen?-) Gerät ist abgebildet und dazu heisst die Schlagzeile: "So ein Scheiss." Nanu, denke ich, endlich mal ein Anbieter, der ehrlich genug ist, eines seiner Produkte als den hinterletzten Bullshit zu bejubeln.

Als Kompensation dann ein Inserat der Firma energie360. Ein junges Paar spaziert auf einem langweiligen Feldweg und dazu heisst die Schlagzeile: "Gemeinsam kommen wir weiter." Oh je, denke ich, da bin ich aber intellektuell überfordert – ich verstehe gar nichts.

Kreativ irgendwie dazwischen eine Aktion der Migros für Gardenparty-Fressalien. Im TV-Spot toben saumässig lustige und fröhliche Menschen herum und dazu heisst es: "So geht Sommer." Irgendwie verstehe ich ja schon, was damit gemeint sein könnte, aber der sprachlich unverdauliche Kotzbrocken bleibt mir im Hals stecken.

Zur Erholung in einem Seeufer-Restaurant mit schwarzschattenden Kastanien und einem herrlichen Kiesboden. Die Kellnerin begrüsst mich mit: "Grüezi wohl!" Warum sie so und nicht wie seit Jahrhunderten einfach "Grüezi" sage? Es töne einfach freundlicher, habe man ihr im Weiterbildungskurs gesagt. Sie sagt auch "En Guete wünsch ich Ine!" Was man jemandem wünsche, soll man am Anfang das Satzes sagen, habe sie gelernt, das töne verbindlicher. Beim Abschied dann: "No en guete Tag wünsch ich Ine!"

Grotesk die schon seit Jahren grassierende Floskel: "Isch es rächt gsii bi Ine?“ Auf die Gegenfrage, ob es denn an anderen Tischen nicht recht gewesen sei und Gäste sich beschwert hätten, ratloses Unverständnis: "Nenei, aber es tönt eifach höflicher."

Fazit: Berufsschulen vergewaltigen unsere Sprache. Wie wir manchmal selber auch: Früher hiess es: "Ich han es Telifon übercho." Heute sagen die meisten: "Ich han en Aruef übercho". Einen Anruf, direkt aus dem Hochdeutschen übernommen und überhaupt nicht mehr Mundart. So wie "I de Niderige am morgen no Früenäbel" in den Wetterprognosen. Das Resultat: völlig überrissener Mundartpopulismus nivelliert die Vielfalt unserer Dialekte. Wie auch das Saumödeli, im Grossraum Zürich das Wort Bau in der Mundart nicht mehr Bou auszusprechen sondern eben Bau. Das Bouamt heisst jetzt Bauamt und Neubou Neubau.

Dieses Nachäffen finden wir ja auch in den Medien. Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht in fast allen Zeitungen unseres Landes die absurde Formulierung "...muss sich neu erfinden“ vorkommt. Und vor allem "unter Druck". Alle sind unter Druck: Politiker, Sportler, Börsenkurse, Manager.

Unerträglich auch der Begriff "Soziale" Medien oder gar "Soziale" Netzwerke. Tausendfach, jeden Tag, von Menschen gesprochen und geschrieben, die doch eigentlich wissen sollten, dass "Social" ein amerikanisches, technisches Wort ist und in der Online-Welt nichts mit gesellschaftspolitischer, sozialer Verantwortung tu tun hat.

Zum Wort Digitalisierung fällt mir inzwischen auch nichts mehr ein. Sie ist ja eh schon die permanente, automatisierte Realsatire. Wir müssen nicht mehr denken, wir überlassen alles dem digitalen Urknall und der künstlichen Intelligenz.

Wichtig ist nur, dass es dank der algorithmischen Penetration der Big-Data-Wolke gelingt, mit Hilfe des kombinatorischen Digitalismus die Sinuskurve zu kriegen.

Wir sind bereits digitale Vollpfosten geworden.

 

 

Hermann Strittmatter

Hermann Strittmatter ist aktiver VR-Präsident der von ihm gegründeten Werbeagentur GGK in Zürich. Betriebswirtschafter, Swissair-Werber, Weinbauer, Gastrokritiker und Kommunikationsberater für Wirtschaft und Politik. Schreiben Sie Ihre Meinung Hermann Strittmatter direkt stritti2@bluewin.ch oder an die Redaktion.