Kolumne

Stritti meintLiebe alle und lieber Gruss

Stritti wundert sich über den Sprachgebrauch in Mails und «sozialen» Netzwerken. Er kommt zum Schluss: Wer nicht korrekt formuliert, kann auch nicht sauber denken.
22.08.2017 17:34
Hermann Strittmatter, VR-Präsident GGK Zürich
Liebe alle und lieber Gruss

Gewisse Online-Verblödungs-Plattformen, absurderweise "soziale" Netzwerke genannt, verführen viele Benützer, mit der Sprache schnoddrig umzugehen. Sogar bei den biederen Mails schleichen sich seit langem und kontinuierlich läppische Formulierungen ein. Sie wirken kindisch und unbeholfen.

Das sei jetzt halt die Umgangssprache der neuen Medien, heisst es. Die Regeln seien hier anders, wichtig sei die rasche und einfache Wahrnehmung einer Botschaft. Ich kann da (einmal mehr, ich weiss) nur antworten: Wenn die Sprache verludert, verkommt der Geist. Wer nicht korrekt formuliert, kann auch nicht sauber denken. Lose Schreibe macht gedankenlos.

Zwei typische Beispiele des täglichen Sprachhorrors: Als Empfänger eines Mails, das auch an andere verschickt wird, lautet die Begrüssung oft: "Liebe alle." Was ist denn das? Das ist ja nicht nur falsch, das ist nicht einmal deutsch. Das ist nur noch hingegörpst. Könnte auch appetitlicher formuliert werden. Zum Beispiel: Ihr Lieben. Oder: Liebe Leute. Oder dann halt: Liebe Damen und Herren.

Oder dann der Abschied: "Lieber Gruss." Das tönt etwas freundlicher, ist aber auch falsch: Ein Gruss ist eine proaktive Handlung, verlangt also den Akkusativ, erst recht in einem verkürzten Satz. Das ist mindestens so falsch wie "ein Meter entfernt" statt einen Meter entfernt. Könnte auch richtig formuliert werden. Man nehme den Plural: Liebe Grüsse. Und das ist nominativ und akkusativ. 

Was bei den Mails an sprachlicher Unsorgfalt auffällt,  wird allerdings bei den Twitter-Inhalten von einem offenbar irreversiblen Kretinimus übertroffen. Er wird im diesem sogenannten Kurznachrichten- respektive Mikro-Bloggingdienst weltweit monatlich von 310 Millionen Zwitscherern aktiv benutzt. Zum Beispiel um private, "telegrammartige" Botschaften zwischen 0 und 140 Zeichen zu übermitteln.

Der neue amerikanische Präsident nutzt diese Plattform seit dem ersten Tage seiner Amtszeit, um Beleidigungen, Unwahrheiten, Schwachsinn und Kriegsdrohungen zu verbreiten. Und seine Tochter Ivanka erklärte am 20. August um 5.06 PM einer verblüfften, aber sicher dankbaren Menschheit per Twitter mit einer illustrierten Darstellung, wie eine totale Sonnenfinsternis funktioniert, welche die USA heimsuchte und ergänzte: "Wondering how it works? In a solar eclipse the moon passes between the sun & Earth & blocks all or part oft he sun for up to about 3 hrs."  Und sie kann mit einem Klout Score erst noch den virtuellen Impact ihrer Message messen.

Und: "Alle Worte mit dem Hashtag-Zeichen im voraus sind Hashtags und funktionieren wie Tags." Im Kleinen Twitter-ABC heisst es weiter: "Tweets können so gefunden und verschlagwortet werden."

"Verschlagwortet": Damit treffen sich sprachliche Unbedarftheit und totale Verblödung zu einem obszönen Date.

Hermann Strittmatter

Hermann Strittmatter ist aktiver VR-Präsident der von ihm gegründeten Werbeagentur GGK in Zürich. Betriebswirtschafter, Swissair-Werber, Weinbauer, Gastrokritiker und Kommunikationsberater für Wirtschaft und Politik. Schreiben Sie Ihre Meinung Hermann Strittmatter direkt stritti2@bluewin.ch oder an die Redaktion.