Kolumne

Vier Gerichte und eine Suppe in China

Auf Partei- oder Staatskosten zu prassen, ist seit dem Machtantritt des neuen chinesischen Staatschefs Xi Jinping politisch extrem inkorrekt.
25.03.2013 02:00
Peter Achten, Asienkorrespondent
Vier Gerichte und eine Suppe in China
Bild: ZVG

Politiker reden nicht nur. Sie essen auch. Das wurde an dieser Stelle vor gut einem halben Jahr schon einmal aktenkundig festgehalten. Nun hat die Geschichte in China eine neue Wendung genommen. Quintessenz: Fertig lustig. Und zwar subito, wohlverstanden.

Der neue Staats-, Partei- und Militärchef Xi Jinping hat ein Zeichen gesetzt. "Vier Gerichte und eine Suppe", heisst die neue Direktive von ganz oben. Privatunternehmer, selbst wenn sie Parteimitglieder sind und Beamte und Parteikader zu Tische bitten, müssen sich natürlich nicht daran halten. Schliesslich sind es ja nicht Steuergelder, die ausgegeben – oder im neuen Partei-Lingo formuliert – "verschwendet" werden. Der erfolgreiche Kleinunternehmer Wen Gaoshan aus der Küstenprovinz Fujian weiss das und prostet unbeschwert – Ganbei! – der kleinen Runde von zwölf Gästen, vornehmlich Lokalbeamte, mit einem Glässchen des hochkarätigen und sündhaft teuren Sorghum-Schnapses Kweichou Moutai zu. Bereits intus hat die Runde diverse Flaschen feinsten Kalifornischen Rotweins. Die von Parteichef Xi geforderte neue Frugalität findet Parteimitglied Wen trotzdem korrekt und lobenswert. "Das Geld des Volkes", so Wen volksnah, dürfe nicht leichtfertig verschleudert werden. "Vier Gerichte und eine Suppe" seien deshalb das Gebot der Stunden.

In der Tat, Wen Gaoshans Bankett kann sich sehen lassen. Nicht vier sondern vierzehn Gerichte, nicht eine sondern zwei Suppen sowie teure Alkoholika halten die Stimmung hoch und die Beziehungen geschmiert. Chinas KMU als Rückgrat der Wirtschaft sind schliesslich für gut 60 Prozent aller Arbeitsplätze gut.

Bei Staatsbetrieben und der Verwaltung bläst neuerdings ein anderer Wind. Für beamtete Spesenritter brechen harte Zeiten an. Kurz nach Amtsantritt nach der Wahl zum Generalsekretär der allmächtigen Kommunistischen Partei im letzten November hat Xi Jinping den allgemein verbindlichen Tarif durchgegeben. "Leeres Geschwätz schadet dem Land", hob Xi in einer seiner ersten Reden an, "nur harte Arbeit bringt die Nation voran". Aber nicht nur weniger leere Worte mahnte Xi an, vielmehr forderte er auch "weniger rote Teppiche", "weniger Frivolität" und "weniger Bankette".

Bei einer Reise durch die Provinz Hebei Ende des letzten Jahres profilierte sich Xi, selbstverständlich unterstützt von den Staatsmedien und der Parteipropaganda, als Modellbeamter. Ein schönes Bankett liess er sausen und verzehrte mit Laobaixing – Durchschnittsbürgern – ein bescheidenes Mal. Vier Gerichte und eine Suppe eben. Der Mitte März am Nationalen Volkskongress (Parlament) nach zehn Amtsjahren zurückgetretene, beim Volk beliebte Premier Wen Jiabao und der neue, beim Volk ebenfalls beliebte Premier Li Kejiang setzten sich am chinesischen Neujahr, wirksam von den Kameras der Staatsmedien begleitet, mit dem gemeinen Volk zusammen und verzehrten – was sonst – vier Gerichte und eine Suppe. Zum trinken gab es selbstverständlich keinen teuren ausländischen Wein und keinen kostspieligen inländischen Getreideschnaps sondern amerikanische Limonade und allenfalls ein heimisches Bierchen.

Das alles war ganz im Sinne der neuen Leitlinien. "Das Volk", so die Überzeugung von Parteichef Xi, "hat Geschichte gemacht, das Volk ist der wahre Held, das Volk ist die Quelle unserer Stärke, Macht und Kraft." Und das Volk ist sauer, wie unschwer ein Blick in die Chat-Rooms der sozialen Medien Chinas zeigt. Die wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen und die gierigen, korrupten Abzockerbeamten von Partei und Regierung sind hochexplosiver sozialer Zündstoff. Schon Konfuzius lehrte, dass der Herrscher nicht Armut sondern Ungleichheit fürchten sollte.

Die 4-1-Bankettregel wird, glaubt man den chinesischen Medien, jetzt hart durchgedrückt. Zhou Shaoqiang, Generaldirektor der Staatsfirma Zhuhai Financial Investment Holdings, kann ein Liedchen davon singen. Er wurde zur "Selbstreflektion" auf unbestimmte Zeit verdonnert, weil er ein Bankett wie in alten Tagen ausgerichtet hatte. Die Antikorruptionsbehörde von Zhuhai, einer Wirtschaftssonderzone und Boomstadt gleich nördlich von Macao, recherchierte aufgrund von auf dem Internet aufgetauchten Fotos und Berichten. In der Tat stellte sich heraus, dass der banketterprobte Manager eine Einladung schmiss, bei der teure Weine – darunter französischer Château Angelus und Mouton Rothschild – sowie chinesischer Baijiu (weisser Getreideschnaps) im obersten Preissegment getrunken wurden.

Selbstredend begrüssen die "Massen" Xi Jinpings 4-1-Politik. Restaurants, Hotels und Schnapsbrenner dagegen sind, um es Neudeutsch auszudrücken, not amused. Der Umsatz ist in den ersten zwei Monaten des Jahres markant zurückgegangen. Bankette werden annulliert. Staatsbetriebe lagern ihre Jahresend-Bankette von trendigen Restaurants aus in Fastfood-Ketten wie McDonnalds, KFC oder den California Noodle King. Die Preise von Moutai geben deutlich nach und die Aktien der Schnapsbrennereien zeigen an den Börsen eindeutig Richtung Süd. Kurz, es wird weniger aufwändig auf Staatskosten gegessen und getrunken.

Die offizielle chinesische Nachrichtenagentur Xinhua (Neues China) kolportierte mit einem negativen Unterton, dass Staatsbetriebe inzwischen dazu übergegangen seien, Feste nicht mehr in Restaurants und Hotels zu feiern, sondern Spitzenköche in die Betriebskantine einzuladen und dort dann das Bankett steigen zu lassen. Und das selbstverständlich nicht nach der 4-1-Formel. Im übrigen, fügt Xinhau missbilligend hinzu,  sei der neuste Slogan der höheren Bürokraten einfach: "Ohne Aufsehen essen, Geschenke sachte annehmen und im Geheimen die Fäden ziehen."

Soweit ist man in der Schweiz natürlich noch lange nicht. Von der Schweiz allerdings könnte China noch etwas lernen. Selbst bei Staatsbanketten werden in Bern frei nach dem 4-1-System schon lange kaum mehr als fünf Gerichte gereicht. Und Walliser Dôle ist schliesslich, mit Verlaub, auch kein Mouton Rothschild.

 

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.