Kolumne

Vom Golfplatz zum Schlammfeld

Der Golfsport florierte in China in den letzten Jahrzehnten wie nirgendwo auf der Welt. Jetzt ist fertig lustig. Das Spiel gilt wieder als bourgeoise und KP-Mitglieder dürfen ihre Schläger nur noch vorsichtig schwingen.
12.06.2016 23:00
Peter Achten, Asienkorrespondent
Vom Golfplatz zum Schlammfeld
Bild: ZVG

Über 600 Golfplätze gibt es in ganz China mit derzeit Hunderten von Spielern und Spielerinnen. Golfplatz-Entwicklungsfirmen aus China, Hongkong und Amerika entwarfen grossartige Anlagen. Auf der Insel Hainan, in der quirligen 10-Millionen-Stadt Shenzhen, in Shanghai, Peking, Chongqing, Chengdu und vielen weiteren Provinzen entstanden immer neue Golfplätze, massgeschneidert von Golfgrössen wie Arnold Palmer oder Tiger Woods.

Mit den Golfplätzen entstanden auch Luxushotels und Luxuswohnungen. Alles ganz legal. Die cleveren Immobilen-Unternehmer arbeiteten Hand in Hand mit den Lokalbehörden zusammen. Diese waren und sind an den lukrativen Geschäften interessiert, weil die Haupteinkommensquelle der Kommunen Landverkäufe sind.

Unerschwinglich

Die Kosten für eine Mitgliedschaft in einem Golf-Club sind hoch. Je nach Ressort ist man ab umgerechnet 150‘000 Franken plus 2000 Franken Jahresgebühr dabei. Die Preisskala ist, je exklusiver es wird, nach oben offen. Nur der Himmel ist die Grenze. Greenfees für Nichtmitglieder beginnen üblicherweise bei 150 Franken pro Runde. Dass unter solchen Umständen Golf in China als "elitäres Spiel der Millionäre" gilt, versteht sich schon fast von selbst. Und Millionäre gibt es im Reich der Mitte mit der jährlich wachsenden Zahl der Mittelständler immer mehr.

Dass sich Parteifunktionäre, Regierungsbeamte und auch höhere Angestellte von Staatsbetrieben ein solch teures Vergnügen nicht leisten können, ist bei einem Blick auf die Löhne klar. Selbst Staats- und Parteichef Xi Jinping mit einem offiziellen Monatseinkommen von 12‘000 Yuan (rund 1750 Franken) oder ein CEO einer chinesischen Grossbank oder eines Staatsbetriebes mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von umgerechnet 100‘000 Franken könnten sich keine chinesischen Golf-Extravaganzen leisten. Ausser natürlich wenn sie "gesponsert" sind.

Fliegen und Tiger

Die scharfe  Antikorruptionskampagne von Parteichef Xi hat nun nach Glücksspiel, Prostitution, Drogen, Banketten, Reisli und Unterhaltung auf Staatskosten auch Golf erreicht. Von über 600 Golfplätzen landesweit sind präzise 66 vor einem Jahr mit der Schliessung belegt worden. Im März dieses Jahres wurde zum Beispiel die Luxusanlage des exklusiven Shanghaier Orient-Golfclubs mit Dutzenden von Baggern in wenigen Tagen dem Erdboden - bzw. landwirtschaftlich nutzbarem Boden - gleichgemacht.

Xi versprach vor drei Jahren, gegen jegliche Form von Korruption und Bestechung vorzugehen, unabhängig von Rang und Namen oder - im blumigen Partei-Chinesisch - gegen "Fliegen und Tiger". Dabei hat der bekennende Fussballfan Xi Jinping gewiss nicht an Tiger Woods gedacht, der Millionen kassiert für meisterlich entworfene Golfkurse.

«Geld gegen Macht»

Bislang sind Hunderte von kleinen, mittleren, höheren und höchsten Parteikader der Korruption angeklagt worden. Viele sind aus der Partei ausgeschlossen und sitzen im Gefängnis. Die Zeitung der mächtigen parteiinternen Disziplinarkommission brachte es im verganenen Jahr punkto Golf auf den Punkt: "Wie feine Spirituosen und Tabak, tolle Autos und Wohnungen ist Golf ein PR-Werkzeug, das Geschäftsleute brauchen, um Beamte abhängig zu machen." Und Golfplätze, folgern die Parteisaubermänner, haben sich mittlerweile in "Schlammfelder" verwandelt, wo "Geld gegen Macht gehandelt wird".

Die "Rechts-Wochenzeitung", herausgegeben vom  chinesischen Justizministerium, berichtet von hohen Partei- und Regierungsbeamten, die in den letzten zehn Jahren beim Golf auf frischer Tat oder vielleicht besser bei frischem Golfschwung ertappt und zur Verantwortung gezogen worden sind. "Golf", so kommentiert die Zeitung, "wird wegen der hohen Kosten und des einzigartigen Glamours als 'aristokratisches' Spiel bezeichnet. Doch die peinliche Wahrheit ist, dass wegen des verdorbenen Golfs einige Beamte bestraft oder sogar ins Gefängnis gesteckt worden sind."

«Nichts richtig und nichts falsch»

Nur konsequent ist es deshalb, dass den 85 Millionen Parteimitgliedern das Golfspiel zwar nicht de jure aber de facto verwehrt ist. Noch vor einem Jahr war es beispielsweise Regierungsbeamten in der Südprovinz Guangdong nur verboten, während der Arbeitszeit zu golfen, um "unsauberes Verhalten oder illegales Vorgehen zu verhindern". Damals hat auch die Parteidisziplinarkommission festgestellt, dass am Golfspiel "nichts richtig und nichts falsch" ist. Für Partei- und Regierungskader, die belegen könnten, dass sie alles selbst bezahlen und nicht bestochen worden seien, sei alles in Ordnung.

Der Kampf gegen Golf ist freilich nicht neu in China. Bereits 1949, nach dem Sieg der Kommunisten gegen die Nationalisten im Bürgerkrieg, erklärte der Grosse Steuermann Mao Dsedong Golf als "bourgeoises Millionärsspiel". Golfplätze wurden in öffentliche Parks, zoologische Gärten oder kollektive Landwirtschaftsbetriebe umfunktioniert. So blieb es bis Mitte der 1980er Jahre. Im Zuge der Wirtschaftsreform und Öffnung nach Aussen legten findige Investoren, die das Golfgras wachsen hörten, weitsichtig Plätze an. Der erste entstand 1984 in der Südprovinz Guangdong (Kanton). Sogar Parteifunktionäre griffen zum Golfschläger, allen voran der ehemalige Premier und Parteichef Zhao Ziyang, der später nach den Arbeiter- und Studentenunruhen auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen 1989 wegen seiner Kompromisbereitschaft mit den Studenten von der Partei abgehalftert worden ist  und bis zu seinem Tod unter Hausarrest stand.

Pflegeintensiv

Bereits vor der laufenden Antikorruptionskampagne gab es aber auch grosse Bedenken wegen des Verschleisses an wertvollem Ackerland und wegen  Umweltverschmutzung. Golfplätze sind sehr pflegeintensiv, verbrauchen viel Wasser und werden mit Tonnen von Herbiziden und Pestiziden besprüht. Das ist für China nicht tragbar. Das Land ernährt ein Fünftel der Erdbevölkerung auf nur 9 Prozent der weltweit landwirtschaftlich nutzbaren Fläche und 7 Prozent des verfügbaren Frischwassers. So erfolgte denn bereits 2004 ein Bauverbot für neue Golfanlagen. Doch seither wurden nirgendwo auf der ganzen Welt so viele neue Golfplätze angelegt wie in China. Die geldgierigen Lokalregierungen boten Hand dazu. Grund: Ihre einzige Einnahmequelle sind Land. Der Trick für eine Baugenehmigung, so ein Insider, ist einfach: niemals den Bau als Golfplatz deklarieren. Besser läuft es, wenn  überdies "ökologisch nachhaltiges" Bauen versprochen wird. Interessant jedenfalls wird es sein zu beobachten, wie viele der offiziell 66 zur Schliessung vorgesehenen Golfanlagen tatsächlich stillgelegt worden sind und wie viele neue Golfplätze gebaut werden.

Auf sportlicher Ebene hat Golf in China grosse Fortschritte erzielt. Internationale Turniere werden abgehalten, und bereits sind hoffnunsvolle chinesische Profis auf der PGA-Tour unterwegs. Zu den erfolgreichsten Golfern gehören etwa Zhang Lianwei und Liang Wen-Chong. Auch Huang Wenyi wäre an dieser Stelle zu erwähnen. Er ist immerhin die Nummer 1189 der Weltrangliste und ist nicht etwa Millionär, sondern politisch korrekter Proletarier, war er doch wie einige seiner chinesischen Golfkonkurrenten simpler Arbeiter.

Golfproletarier

Ein besonders Augenmerk werfen Golffans auf die erst 18 Jahre alte Guan Tianlang, die bereits im Alter von 14 hochkarätige internationale Turniere für sich entschieden hat. Klammheimlich wird der bourgeoise Sport Golf auch von Seiten der Regierung mit erklecklichen Summen unterstützt. Erstmals nämlich seit über 100 Jahren wird Golf 2016 in Brasilien wieder olympische Disziplin. Und eine Goldmedaille ist auch nach Auffassung von Staats-, Partei- und Militärchef Xi Jinping offenbar weder kapitalistisch noch kommunistisch, weder proletarisch noch bourgeoise sondern schlicht und einfach golden. Mit andern Worten: Proletarisches Golf zum höheren Ruhm des Mutterlandes.

 

Weitere Informationen

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.