Kolumne

Vom Kollateral-Nutzen

Alle wissen, was im Syrien-Konflikt als Nächstes zu tun ist: Stritti nimmt sich die selbsternannten Beobachter, Kenner und Experten zur Brust.
02.09.2013 11:00
Hermann Strittmatter, VR-Präsident GGK Zürich
Vom Kollateral-Nutzen
Bild: ZVG

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben in ihrer Geschichte mancherlei militärische Erfolge und Misserfolge eingefahren. Bei letzteren denken wir zum Beispiel an die Blamage von General Custers Kavallerie gegen die Indianer von Sitting Bull im Jahre 1876, an  den Invasionsversuch in Kubas Schweinebucht 1961 oder an die Niederlage im Vietnamkrieg 1975.

Wir vergessen natürlich auch nicht die erfolgreiche logistische Unterstützung Europas durch die USA im ersten Weltkrieg, das siegreiche Eingreifen im zweiten Weltkrieg und die erlösende Intervention gegen den Völkermord im Balkan vor 20 Jahren. In einer Region, die wir Europäer seit vielen Jahrhunderten nicht haben befrieden, strukturieren und organisieren können. Eine Flugstunde von der Schweiz entfernt, beschämend. Uncle Sam musste wieder herhalten und wurde einmal mehr von Heuchlern beschimpft. Niemand fragte, was denn noch alles geschehen wäre, hätte die Nato nicht interveniert. Es gibt da also manchmal auch einen Kollateral- Nutzen. Zum Beispiel für Völker und Nationen, die mörderisch und aus reiner Machtpolitik angegriffen wurden. Zum Schutz der Zivilbevölkerung, der Freiheit und der Infrastrukturen eines Landes.

Dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mittel sei, ist eine zynische, grausam obszöne Aussage. Es gibt nichts Schlimmeres auf Erden als Kriege von Menschen gegen Menschen. Der Krieg ist die Kapitulation der Politik. Er ist die schrecklich Niederlage für den erlahmenden, diplomatischen Verhandlungswillen.

Dass das Killer-Regime in Syrien bestraft werden muss, um  internationale Vereinbarungen zu schützen, bestreitet eigentlich niemand, falls Beweise für einen Giftgaseinsatz vorlägen. Niemand bringt aber sinnvolle Vorschläge ein, wie eine solche Bestrafung aussehen könnte. Auch nicht die vielen selbsternannten Beobachter, Kenner und Experten, die wie ein Tsunami über die Medien, also auch über uns herfallen.

Nur in Einem sind sie sicher: Obamas Syrien-Politik ist "vermurkst". Sein vorlautes Drohen und sein Zögern ist ein sich Verstecken hinter dem Entscheid des Kongresses. Er ist feige, mutlos und entscheidungsschwach, hört und liest man allenthalben.

Vielleicht wird der Präsident in zwei Wochen von denselben Leuten das Attribut "weise" und "verantwortungsvoll" zugesprochen erhalten. Weil er absolut sicher sein wollte, dass bei einer Attacke der Kollateral-Schaden kleiner sein wird als der Kollateral-Nutzen.

 

Hermann Strittmatter

Hermann Strittmatter ist aktiver VR-Präsident der von ihm gegründeten Werbeagentur GGK in Zürich. Betriebswirtschafter, Swissair-Werber, Weinbauer, Gastrokritiker und Kommunikationsberater für Wirtschaft und Politik. Schreiben Sie Ihre Meinung Hermann Strittmatter direkt stritti2@bluewin.ch oder an die Redaktion.