Kolumne

Wachstum? Wozu bitte?

Es gibt Wachstum, das Arbeit vernichtet. Und Wachstum, das Arbeit schafft. Wir bräuchten letzteres.
14.01.2013 08:00
Werner Vontobel, Publizist und Buchautor
Wachstum? Wozu bitte?
Bild: Sobli

Seit Professor Robert Gordon Ende 2012 seine pessimistische Prognose publizierte, macht eine bange Frage die Runde: Werden wir je wieder so schnell wachsen, wie in den letzten 70 Jahren. Werden wir je wieder so etwas Nützliches wie die WC-Wasserspülung erfinden? Der “Economist“ widmete dem Thema sogar die Titelseite mit Rodins Denker auf einem Klosomat sitzend.  

Wie praktisch alle Kommentare zu diesem Thema geht auch der des „Economist“ davon aus, dass Gordon erstens eine wichtige Frage in den Raum gestellt hat, und dass der von ihm vorhergesagte Rückgang der Wachstumsraten auf 1,3 Prozent pro Kopf und Jahr ein ernsthaftes Problem wäre. Im Editorial wird Gordon sogar in eine Reihe mit dem „Untergangspropheten Robert Malthus gestellt. Der prophezeite damals, dass jede Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens fort zu vom Bevölkerungswachstum weggefressen werde.

Doch warum genau wäre ein geringeres Wachstum ein Problem? Wie die meisten Kommentatoren geht auch der „Economist“ davon aus, dass die Wirtschaft immer neue Produkte brauche, um Wachstumsschübe zu generieren, wie etwa die Dampfmaschine, der Telegraph, das Autos und der Computer. Jetzt gehe es darum, „etwas Neues“ zu erfinden, das Wachstum und Beschäftigung generiert.

Nun gibt es da allerdings zwei Probleme. Erstens ist „etwas Neues“ nur sinnvoll, wenn das Neue echte Bedürfnis befriedigt. Echt sind Bedürfnisse dann, wenn sie nicht erst erfunden und geweckt werden müssen, also mithin schon da und bekannt sind. Doch welches sind diese Bedürfnisse? Wer Wachstum fordert, müsste sie nennen können. Dem „Economist“ fiel dazu nichts ein. Der FAZ auch nicht.

Zweites Problem: Die für Ökonomen relevante Definition von Wachstum ist der prozentuale Zuwachs des Output pro geleistete Arbeitsstunde. Solches Wachstum kann auch ohne neue Produkte geschaffen werden, einfach indem man besehende Produkte und Dienstleitungen mit weniger Arbeitsaufwand herstellt. Vorzugsweise indem man sie neu entwirft.

Doch dieses Wachstum vernichtet Arbeit – es sei denn, wir befriedigen neue Bedürfnisse - die aber weder der „Economist“ und die FAZ kennen. Einverstanden, es gibt z.B. das iPhone. Wir verbrauchen mehr Zeit als bisher, um uns mit Informationen voll zu dröhnen. Die FAZ schätzt, dass die Smartphones jährlich 0,25 Prozent Wachstum schaffen, doch erstens werden die Dinger ausschliesslich in Fernost produziert. Zweitens spart der Produktivitätsfortschritt bei den Industriegütern jährlich noch immer 3 bis 4 Prozent der Arbeit weg. Da helfen auch keine Macs.

Wachstum und mehr Beschäftigung ist dennoch möglich. Es kommt aber nicht von neuen Produkten und schon gar nicht vom – arbeitssparenden - technologischen Fortschritt. Es kommt vom der brachliegenden Nachfrage. Wer Wachstum will, muss dafür sorgen, dass wir die  (in der EU) inzwischen 25 Millionen Arbeitslosen und die  rund 50 Millionen Hungerlöhner wieder in die Wohlstands-Wirtschaft integrieren.   

Diesen Wachstumsschub kann man sogar beziffern: Aktuell verfügen die ärmsten 50 Prozent der Bevölkerung in den westlichen Staaten über weniger als 15 Prozent der Markteinkommen. Hebt man diesen Anteil schon nur auf 30 Prozent an, errechnet sich ein einmaliger Wachstumsschub von 15 BIP-Prozent.

Das wäre Wachstum, das Europa wirklich braucht.
 

Werner Vontobel

Werner Vontobel ist Redaktor/Autor beim Sonntagsblick und als Kolumnist für diverse Ringier-Medien tätig, so für den «Blick am Abend». Vontobel war als Korrespondent in Brüssel und bei cash, der Weltwoche, beim Tages-Anzeiger und bei der SonntagsZeitung tätig. Vontobel ist Autor von Büchern wie «Schurkenstaat Schweiz?», «So funktioniert die Wirtschaft» oder «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt».