Kolumne

Zinsen - Die Wirtschaft brüllt lauter als der Sparer

Was ist schädlicher: der starke Franken oder Negativzinsen? Claude Chatelain hat eine klare Meinung.
02.07.2019 10:00
Von Claude Chatelain
Die Wirtschaft brüllt lauter als der Sparer
Bild: Shane Wilkinson

 

Die Kolumne "Gopfried Stutz" erschien zuerst im 

Seit Anfang Juni zahlt die UBS auch auf Sparkonti keinen Zins mehr. Und wenn man die Gebühren berücksichtigt, so sind die Negativzinsen jetzt auch beim Kleinanleger angekommen. Erstaunlicherweise nehmen das Schweizerinnen und Schweizer mit einem Schulterzucken zur Kenntnis. Man scheint sich damit abzufinden, mit dem Sparkonto Geld zu verlieren.

Schuld an dieser unerfreulichen Situation ist die Schweizerische Nationalbank (SNB). Sie selber sagt zwar, verantwortlich sei viel mehr die Europäische Zentralbank (EZB), die den Markt mit Euro überflute und damit die Zinsen nach unten drücke. Die SNB könne nicht anders als nachzuziehen.

Ökonomen pflichten ihr bei. Liegen die Zinsen über jenen in Euroland, zieht das Investoren an. Damit steigt die Nachfrage nach Franken, was zu einer Überbewertung und zu einem tieferen Eurokurs führt. Ein starker Franken ist ein Problem für die Wirtschaft, namentlich für die Exportwirtschaft.

Dass bei einem starken Franken die Importe günstiger werden, geht gerne vergessen. Dabei ist klar: Wo es Exportverlierer gibt, gibts auch Importgewinner.

Was für ein Aufschrei, als am 15. Januar 2015 SNB-Chef Thomas Jordan zur Überraschung aller erklärte, die SNB werde den Euro-Mindesttkurs nicht mehr verteidigen. Nebenbei hiess es auch noch, die SNB werde zur Schwächung des Frankens negative Zinsen einführen.

Der Aufschrei galt nicht den fatalen Negativzinsen. Er galt dem fallengelassenen Eurokurs. Die Wirtschaft brüllt lauter als der Sparer.

Was ist nun schlimmer für unsere Gesellschaft: der starke Franken oder die Negativzinsen? Langfristig dürfte die Zinssituation grösseren Schaden anrichten. Und glaubt man Thomas Stucki, Anlagechef bei der St. Galler Kantonalbank, so üben die negativen Zinsen auf den Wechselkurs eh nur einen beschränkten Einfluss aus, jedenfalls einen deutlich geringeren als Interventionen am Devisenmarkt, wie er am Mittwoch an einer Medienkonferenz sagte. Gleichentags erklärte Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff gegenüber cash.ch: "Die Negativzinsen haben den Beweis nie erbracht, dass sie in irgendeiner Form abschreckend auf Investoren wirken."

Bewiesen ist aber Folgendes: Zu tiefe Zinsen führen zu Marktverzerrungen. Das zeigt sich etwa bei Pensionskassen, die dadurch gezwungen werden, höhere Risiken einzugehen. Dennoch geht niemand davon aus, dass die Notenbank von ihrer Zinspolitik abrücken will.

So müssen wir wohl noch lange auf Sparzinsen verzichten, um die Exportindustrie bei Laune zu halten. Doch es gibt noch andere Interessengruppen, die von der Zinssituation profitieren. Das billige Geld fliesst nämlich vorab in Aktien- und Immobilienmärkte. Entsprechend steigen die Preise. Aktionäre und Immobilienbesitzer werden immer reicher. Der Kleinsparer ist der Dumme.

 

Claude Chatelain

Claude Chatelain (geb. 1953) ist Kolumnist beim «SonntagsBlick». In der Kolumne «Gopfried Stutz» beschreibt er wöchentlich seine Beobachtungen auf dem Gebiet der Vorsorge, der Versicherungen und der Anlageberatung. Zuvor schrieb der langjährige Wirtschaftsjournalist für die Wirtschaftszeitung Cash und die «Berner Zeitung». Von 1991 bis 1998 betreute der studierte Ökonom im «Blick» die Ratgeber-Kolumne «Chatelain rät».