Bachmannpreis: Kämpferische Franzobel-Rede zur Eröffnung

Schriftsteller Franzobel hat am Mittwochabend die 41. Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet. In seiner kämpferischen "Klagenfurter Rede zur Literatur 2017" setzte er sich mit der Bedeutung von Literatur in der heutigen Zeit auseinander.
06.07.2017 09:27

"Literatur ist Kampf - gegen die Verdummung, Herzlosigkeit. Ignoranz, Lustfeindlichkeit, Engstirnigkeit, aber ebenso gegen die Verknechtung durch die Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher", sagte der Bachmannpreisträger des Jahres 1995, der zuletzt den viel beachteten Roman "Das Floss der Medusa" veröffentlichte.

"Alles verändert sich. Die Literatur so sehr, dass einem die Augen rausspringen. In spätestens fünfzig Jahren wird man Buchhandlungen, Bücherregale, ja selbst Bücher so verwundert ansehen wie heutzutage Jugendliche ein Tonbandgerät, ein Pornokino oder eine Steintafel mit sumerischer Keilschrift", übte sich Franzobel in seiner Rede mit dem Titel "Seelenfutter oder das süsse Glück der Hirngerichteten" zunächst in Pessimismus.

"Lange dachte ich, der Sinn der Literatur wäre es, gegen die eigene Vergänglichkeit anzuschreiben, etwas zu schaffen, das Generationen überdauert", so der Autor. "Heute glaube ich nicht mehr an diese Möglichkeit. Die Sprache ändert sich, und verstanden wird immer nur das, was man verstehen will, was mit dem eigenen Weltbild in Einklang steht. Nichts überlebt. Alles ist vergänglich, auch ein Text."

Die Welt warte nicht auf neue Texte, die Literatur sei ein Nischenmarkt. "Es hat ja niemand mehr Zeit zum Lesen - zumindest für nichts, das länger ist als eine Facebook-Statusmeldung oder eine Whatsapp-Nachricht. Der Vereinswechsel eines Zweitligaspielers bekommt wesentlich mehr Öffentlichkeit als der neue Roman eines Bachmannpreisträgers, von dem der Durchschnittsbürger wahrscheinlich gar nicht weiss, was das ist."

Andererseits werde es "immer eine Sehnsucht nach Geschichten geben, nach Versuchen, das Leben zu bewältigen, zu bereichern und den Tod zu begreifen. Literatur speichert Erfahrungen und Empfindungen schneller als die Gene", so der Autor, der sich in seiner Rede auch mit Ibsen, Edgar Allen Poe oder Nietzsche beschäftigte.

Die Wiener Schriftstellerin Karin Peschka betritt am Donnerstagmorgen als erste Teilnehmerin die Lesearena der 41. Tage der deutschsprachigen Literatur. Gleich nach ihr treten der Kärntner Björn Treber und der US-Österreicher John Wray an.

Den Nachmittag bestreiten die deutsche Autorin Noemi Schneider und der Schweizer Daniel Goetsch. Am Freitag lesen ab 10 Uhr der Grazer Ferdinand Schmalz, die in Wien lebende Serbin Barbi Markovic sowie die Wienerin Verena Dürr, nach der Mittagspause treten Jackie Thomae und Jörg-Uwe Albig - beide aus Berlin - mit ihren Arbeiten ins Rampenlicht.

Den letzten Lesetag bestreiten am Samstag der Frankfurter Eckhart Nickel, die Südtirolerin Maxi Obexer sowie die beiden Schweizer Vertreter Gianna Molinari und Urs Mannhart.

(SDA)