Beobachtungen von Fischottern nähren Hoffnung auf Rückkehr

Neue Nachweise von jungen Fischottern bei Bern und die erste Beobachtung eines Einzeltieres im Engadin sind Hinweise auf eine definitive Rückkehr des Tieres in die Schweiz. Bund und Kantone wollen deshalb vorsorglich eine nationale Fischottergruppe bilden.
16.10.2017 16:28

An der Aare zwischen Thun und Bern haben Fotofallen in den vergangenen Monaten regelmässig zwei Fischotterweibchen mit Jungtieren erfasst, wie das Bundesamt für Umwelt (BAFU) am Montag mitteilte.

Es handle sich dabei um den vierten bestätigten Nachwuchs von wildlebenden Ottern in der Region Bern. Zuletzt war am Inn bei Samedan GR erstmals seit über siebzig Jahren ein Fischotter mit einer Fotofalle nachgewiesen worden.

Nach konsequenter Verfolgung als Fischräuber und aufgrund von Lebensraumverlust und Gewässerverschmutzung war der Fischotter Ende des vergangenen Jahrhunderts in der Schweiz ausgestorben.

In den vergangenen Jahren waren in den Kantonen Graubünden, Wallis, Tessin, Genf und Bern vereinzelt wieder Tiere aufgetaucht. Beim zweiten schweizweiten Monitoring, das Pro Lutra im Auftrag des BAFU 2016 durchgeführt hatte, konnten Nachweise von Fischottern an der Aare, am Hinterrhein sowie am Ticino bestätigt werden.

Es sei aber nicht in allen Fällen klar gewesen, ob es sich dabei um eingewanderte oder entwichene Tiere gehandelt habe. Heute könne aber aufgrund von sich ausbreitenden Populationen in den Nachbarländern Österreich und Frankreich davon ausgegangen werden, dass Fischotter auf natürliche Weise in die Schweiz eingewandert seien und sich hier auch fortpflanzten.

Erwachsene Fischotter leben als Einzelgänger in bis zu vierzig Kilometer grossen Streifgebieten entlang von Gewässern. Auf der Suche nach neuen Territorien können sie aber noch weitere Distanzen zurücklegen.

Fischotter ernähren sich einerseits von Fischen, anderseits aber auch von anderen Beutetieren wie Amphibien, Krebsen, Vögeln, Reptilien und kleinen Säugetieren.

Dennoch könne es zu Interessenskonflikten mit der Angelfischerei und insbesondere mit Fischzuchtanlagen kommen. Auch könnten gefährdete Fischarten und Krebse zusätzlich unter Druck geraten. Denn ein erwachsener Fischotter verzehrt täglich rund ein Kilogramm Fisch.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts galt in der Schweiz der gesetzliche Auftrag, die Ausrottung von Fischottern und anderen der Fischerei besonders schädlichen Tieren möglichst zu begünstigen. Als der Otter 1952 endlich unter Schutz kam, war der "point of no return" vermutlich bereits überschritten, wie das BAFU weiter schreibt.

Dazu kam, dass die Fische in einheimischen Gewässern zu stark mit Giften aus der Klasse der Polychlorierten Biphenyle (PCB) versucht waren. Die sehr langlebigen PCB waren hierzulande bis zum ersten Verbot in den 1970er-Jahren als vielseitig verwendbare Werkstoffe verbreitet.

Einmal in die Umwelt gelangt reicherten sie sich in Organismen entlang der Nahrungskette an: So wiesen Fische schon um das Hunderttausendfache höhere Gehalte auf als das Wasser, und im Fischotter waren die Konzentrationen laut BAFU nochmals tausend Mal stärker vorhanden.

Chemisch glichen PCB Geschlechtshormonen und wirkten bei verschiedenen Tieren wie Anti-Baby-Pillen. Deshalb seien die Fachleute davon ausgegangen, dass Fischotter sich in der Schweiz nicht mehr fortpflanzen könnten.

Noch 1990 kam ein vom damaligen Umweltamt BUWAL publizierter Schlussbericht der Fischottergruppe, die damals die Chancen einer Wiederansiedlung prüfte, zum Schluss: "Unser Land ist für Fischotter nicht mehr geeignet, ja voraussichtlich auf Jahrzehnte hinaus zu lebensfeindlich."

Um die Voraussetzungen für ein Nebeneinander von Fischotter und Mensch in der Schweiz zu schaffen und mögliche Konflikte früh zu erkennen und präventiv einzugreifen, wollen Bund und Kantone in den kommenden Monaten eine Koordinationsgruppe zum Fischotter bilden.

(SDA)