Aktien Frankfurt: Brexit-Schock lässt Dax erneut abrutschen

FRANKFURT (awp international) - Der Brexit-Schock hat den deutschen Aktienmarkt weiter fest im Griff. Nach einem anfänglichen Stabilisierungsversuch rutschte der Dax bis zum Montagnachmittag wieder um 2,07 Prozent ab auf 9359,38 Punkte. Am Freitag hatte der deutsche Leitindex mit Verlusten von bis zu 10 Prozent auf das überraschende britische Votum gegen die EU-Mitgliedschaft reagiert und letztlich knapp 7 Prozent tiefer geschlossen.
27.06.2016 15:10

Das Marktgeschehen sei weiter geprägt von der Unsicherheit, die durch die Entscheidung der Briten entstehe, warnte Analyst Ric Spooner vom Broker CMC Markets. Das belastete am Montag auch die anderen Indizes: Der MDax der mittelgrossen Unternehmen verlor 3,22 Prozent auf 19 190,35 Punkte und der Technologiewerte-Index TecDax sank um 3,44 Prozent auf 1532,04 Punkte.

Für den am Freitag ebenfalls gebeutelten Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 ging es um 2,17 Prozent bergab. Gefragt blieben dagegen als "sichere Häfen" geltende Anlagen: Der Goldpreis setzte seinen Aufwärtstrend fort, und auch der japanische Yen ist als Fluchtwährung weiter beliebt.

EXPERTE BEGRÜSST KONSERVATIVEN WAHLSIEG IN SPANIEN

Chinas Premier Li Keqiang sieht den Brexit als Belastung für die Erholung der Weltwirtschaft. Die US-Ratingagentur Moody's drohte Grossbritannien nach dem Votum für einen Austritt aus der EU mit einer Herabstufung. Zudem fürchtet der britische Finanzminister George Osborne negative Folgen der Entscheidung für die einheimische Wirtschaft.

CMC-Experte Spooner machte aber auch positive Nachrichten aus - etwa mit Blick nach Spanien. Dort gewann die konservative Volkspartei (PP) von Ministerpräsident Mariano Rajoy die vorgezogene Parlamentswahl. Die Spanier setzten damit in komplizierten Zeiten auf Stabilität. Auch hier bleibt jedoch Unsicherheit, denn Rajoy kann nicht alleine regieren und eine Regierungsbildung ist noch nicht in Sicht.

BREXIT-AUSWIRKUNGEN BELASTEN BANKEN UND LUFTHANSA

Bei Einzelwerten sorgten vor allem kritische Studien zu den Brexit-Auswirkungen für Bewegung. Die Aktien der Deutschen Bank rutschten auf ein neues Rekordtief ab und lagen zuletzt mit 6,40 Prozent im Minus. Analyst Kian Abouhossein von JPMorgan strich seine Empfehlung für die Papiere des Finanzkonzerns. Damit habe einer der letzten Optimisten seine positive Einschätzung geändert, sagte ein Börsianer.

In der Branche war der Brexit-Schock überhaupt weiter spürbar: Die Commerzbank-Titel verloren 5,32 Prozent und im MDax sackten Deutsche Pfandbriefbank um 9,66 Prozent ab. Mit minus 7 Prozent war der Subindex der europäischen Bankenwerte im marktbreiten Index Stoxx Europe 600 weit unten zu finden.

Die Aktien der Lufthansa verloren am Dax-Ende 7,49 Prozent auf 10,135 Euro, nachdem die US-Investmentbank Goldman Sachs das Kursziel auf 10 Euro gesenkt und ihre Verkaufsempfehlung bestätigt hatte. Der britische EU-Austritt dürfte die Nachfrage nach Flug-, Pauschal- und Bahnreisen verringern, schrieb Analystin Alexia Dogani in einer Branchenstudie. HeidelbergCement sackten um 6,08 Prozent ab. Laut Händlern stufte die US-Bank Merrill Lynch die Aktien des Baustoffherstellers ab. Zudem senkten andere Banken ihre Kursziele.

IMMOBILIENTITEL PROFITIEREN VON BREXIT

Dagegen setzten sich die Papiere des Immobilienkonzerns Vonovia mit plus 3,71 Prozent an die Dax-Spitze. Kurstreiber war laut Börsianern eine neue Kaufempfehlung von Morgan Stanley. Zudem profitiere die deutsche Branche von mit dem Brexit verbundenen Hoffnungen, dass einige Banken Personal von London nach Frankfurt verschöben. Für die Vonovia-Konkurrenten Deutsche Wohnen und LEG Immobilien im MDax ging es deutlich bergauf.

Beim Dünger- und Salzproduzenten K+S liessen enttäuschende Eckdaten für das zweite Quartal den Aktienkurs um über 13 Prozent einbrechen.

FRESENIUS VERLIEREN NACH CHEFWECHSEL

Die Aktien des Medizinkonzern Fresenius verloren nach einem überraschenden Chefwechsel zuletzt mit dem Markt 2,18 Prozent. Commerzbank-Analyst Oliver Metzger betonte indes die gute und erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem scheidenden Vorstandsvorsitzenden Ulf Schneider und seinem Nachfolger, dem bisherigen Finanzvorstand Stephan Sturm. Daher sollte sich am von den Investoren geschätzten Managementstil bei den Bad Homburgern nichts ändern. Schneider verlässt das Unternehmen bis Ende Juni auf eigenen Wunsch, um eine "neue berufliche Herausforderung" anzunehmen.

Bei den Technologiewerten profitierte Wirecard nicht nachhaltig von Übernahmespekulationen. Der Betreiber der chinesischen Alibaba-Tochter Alipay dementierte Berichte über eine eventuell bevorstehende Beteiligung am deutschen Zahlungsabwickler, was dessen Aktien um 2,65 Prozent abrutschen liess - davor hatten sie um fast 6 Prozent angezogen./gl/ag

(AWP)