Aktien Frankfurt: Dax steht weiter unter Brexit-Schock

FRANKFURT (awp international) - Der Brexit-Schock hat den deutschen Aktienmarkt weiter im Griff. Nach einem anfänglichen Stabilisierungsversuch rutschte der Dax bis Montagmittag wieder um 1,39 Prozent ab auf 9424,13 Punkte. Am Freitag hatte der deutsche Leitindex mit Verlusten von bis zu 10 Prozent auf das überraschende britische Votum gegen die EU-Mitgliedschaft reagiert und letztlich knapp 7 Prozent tiefer geschlossen.
27.06.2016 11:57

Das Marktgeschehen sei weiter geprägt von der Unsicherheit, die durch die Entscheidung der Briten entstehe, warnte Analyst Ric Spooner vom Broker CMC Markets. Das belastete am Montag auch die anderen Indizes: Der MDax der mittelgrossen Unternehmen verlor 1,77 Prozent auf 19 476,87 Punkte und der Technologiewerte-Index TecDax sank um 1,49 Prozent auf 1563,03 Punkte.

Für den am Freitag ebenfalls gebeutelten Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 ging es um fast 1,5 Prozent bergab. Gefragt blieben dagegen als "sichere Häfen" geltende Anlagen: Der Goldpreis setzte seinen Aufwärtstrend fort, und auch der japanische Yen ist als Fluchtwährung weiter beliebt.

EXPERTE BEGRÜSST KONSERVATIVEN WAHLSIEG IN SPANIEN

Chinas Premier Li Keqiang sieht den Brexit als Belastung für die Erholung der Weltwirtschaft. Die US-Ratingagentur Moody's drohte Grossbritannien nach dem Votum für einen Austritt aus der EU mit einer Herabstufung. Zudem fürchtet der britische Finanzminister George Osborne negative Folgen der Entscheidung für die einheimische Wirtschaft.

CMC-Experte Spooner machte aber auch positive Nachrichten aus - etwa mit Blick nach Spanien. Dort gewann die konservative Volkspartei (PP) von Ministerpräsident Mariano Rajoy die vorgezogene Parlamentswahl. Die Spanier setzten damit in komplizierten Zeiten auf Stabilität. Auch hier bleibt jedoch Unsicherheit, denn Rajoy kann nicht alleine regieren und eine Regierungsbildung ist noch nicht in Sicht.

STUDIEN BELASTEN LUFTHANSA, DEUTSCHE BANK UND HEIDELCEMENT

Bei den deutschen Einzelwerten sorgten vor allem Analystenkommentare für Kursausschläge. Die Aktien der Lufthansa büssten 5,16 Prozent auf 10,39 Euro ein, nachdem die US-Investmentbank Goldman Sachs das Kursziel auf 10 Euro gesenkt und ihre Verkaufsempfehlung bestätigt hatte.

Dax-Schlusslicht waren aber die Titel der Deutschen Bank , die mit einem Minus von 6,47 Prozent auf ein neues Rekordtief rutschten. Analyst Kian Abouhossein von JPMorgan strich seine Empfehlung für die Papiere des Finanzkonzerns. Damit habe einer der letzten Optimisten seine positive Einschätzung geändert, sagte ein Börsianer. In der Branche war der Brexit-Schock überhaupt weiter spürbar: Mit minus 5,66 Prozent war der Subindex der europäischen Bankenwerte Schlusslicht im marktbreiten Index Stoxx Europe 600.

HeidelbergCement sackten um 6,25 Prozent ab. Laut Händlern stufte die US-Bank Merrill Lynch die Aktien des Baustoffherstellers ab. Zudem soll Konkurrent JPMorgan das Kursziel gesenkt haben.

Dagegen setzten sich die Papiere des Immobilienkonzerns Vonovia mit plus 3,24 Prozent an die Dax-Spitze. Sie profitierten laut Börsianern von einer neuen Kaufempfehlung von Morgan Stanley. Für die Konkurrenten Deutsche Wohnen und LEG Immobilien im MDax ging es jeweils über 1 Prozent. Die Branche profitiere vom Brexit und damit verbundenen Hoffnungen, dass einige Banken Personal von London nach Frankfurt verschöben, erklärte ein Händler.

CHEFWECHSEL LÄSST FRESENIUS-AKTIONÄRE KALT

Die Aktien des Medizinkonzern Fresenius verloren mit 1,02 Prozent weniger als der Dax und trotzten damit dem überraschenden Chefwechsel. Commerzbank-Analyst Oliver Metzger betonte die gute und erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem scheidenden Vorstandsvorsitzenden Ulf Schneider und seinem Nachfolger, dem bisherigen Finanzvorstand Stephan Sturm. Daher sollte sich am von den Investoren geschätzten Managementstil bei den Bad Homburgern nichts ändern. Schneider verlässt das Unternehmen bis Ende Juni auf eigenen Wunsch, um eine "neue berufliche Herausforderung" anzunehmen.

Bei den Technologiewerten sprangen Wirecard um 3,39 Prozent an. Der deutsche Zahlungsabwickler steht laut einem Bericht der "Bild am Sonntag" mit chinesischen Investoren in Gesprächen um eine Beteiligung. Die Alibaba-Tochter Alipay erwäge eine Beteiligung von bis zu 25 Prozent, hiess es. Später sei auch eine noch höhere Beteiligung denkbar./gl/ag

(AWP)