Aktien Frankfurt: Herbe Verluste - Erster Brexit-Schock ist aber überwunden

FRANKFURT (awp international) - Der grösste Schock nach dem Volksentscheid in Grossbritannien für einen Brexit scheint überwunden: Die Börsen verringerten im Handelsverlauf europaweit ihre heftigen Verluste und mit ihnen auch der deutsche Aktienmarkt. Die Notenbanken signalisierten angesichts des britischen Votums für einen EU-Austritt Handlungsbereitschaft.
24.06.2016 15:11

Der Dax gab bis zum Nachmittag zwar noch um 6,77 Prozent auf 9563,13 Punkte nach. Kurz nach Handelsstart war der Leitindex aber noch um rund 10 Prozent oder gut 1000 Punkte eingebrochen und auf den tiefsten Stand seit Februar gefallen. Solch massive Verluste hatte es das letzte Mal während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 gegeben.

Der MDax der mittelgrossen Konzerne sank am Nachmittag um 4,73 Prozent auf 19 790,16 Punkte. Der Technologiewerte-Index TecDax büsste 3,64 Prozent auf 1581,90 Punkte ein. Aus der gesamten Dax-Familie von Dax, MDax, TecDax und SDax gab es nur drei Aktien im Plus.

PFUND ETWAS ERHOLT - EURO BLEIBT UNTER DRUCK

Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 verringerte seine Verluste auf minus 8,86 Prozent. In London hielt sich zugleich der britische FTSE 100 bei minus 4,21 Prozent. Hart traf es hier allerdings viele Finanzwerte.

Am Devisenmarkt blieb das Pfund unter Druck, konnte sich bis zum Nachmittag aber vom morgendlichen Rutsch auf den tiefsten Stand seit 31 Jahren etwas erholen. Der Kurs des Euro ging ebenfalls auf Talfahrt: Die EZB setzte den Referenzkurs auf 1,1066 Dollar fest, nachdem es am Donnerstag noch 1,1389 Dollar waren. Der Dollar kostete damit 0,9037 nach 0,8780 Euro. Stattdessen wurde der japanische Yen und der Schweizer Franken als Fluchtwährung gesucht und auch Gold und Anleihen waren gefragt.

Der EU-Austritt Grossbritanniens sorge für grosse Unsicherheit und habe entsprechend heftige Marktreaktionen bis hin zu einem "Schock" ausgelöst, hiess es am Markt. Inzwischen seien aber wieder erste Schnäppchenjäger unterwegs.

Zudem richteten sich die Augen der Anleger auf die Notenbanken, die zuletzt in Notlagen immer stützend eingegriffen hatten. "Die Wahrscheinlichkeit einer starken Antwort der Europäischen Zentralbank ist jetzt hoch", sagte Jochen Stanzl vom Broker CMC Markets. Er sieht daher das Risiko für eine Rezession als relativ gering an.

Führende Notenbanken kündigten bereits an, gemeinsam die Finanzmärkte beruhigen zu wollen. Die britische Notenbank stellte 250 Milliarden Pfund zur Stützung der Märkte in Aussicht. Auch die EZB und die japanische Notenbank betonten ihre Handlungsbereitschaft. Die Schweizerische Nationalbank schritt umgehend zur Tat und griff am Devisenmarkt ein.

BANKAKTIEN VERLIEREN PROZENTUAL ZWEISTELLIG

Während zur Handelseröffnung noch etwa die Hälfte aller 30 Dax-Werte prozentual zweistellig nachgegeben hatten, waren es zuletzt nur noch zwei Werte. Unter ihnen befanden sich die Papiere der Deutschen Bank mit rund 15 Prozent Minus und die der Commerzbank mit minus 13 Prozent. "Das ist kein guter Tag für Europa", sagte Deutsche-Bank-Chef John Cryan.

Die zuletzt wieder gut gelaufenen Versorger RWE und Eon gaben ebenfalls deutlich nach um jeweils rund 9 Prozent. Beide Konzerne haben Millionen Kunden in Grossbritannien - erwarten allerdings nach eigener Aussage nur relativ geringfügige Auswirkungen auf ihr Geschäft durch den Brexit.

DEUTSCHE BÖRSE UND LSE WOLLEN AN FUSION FESTHALTEN

Die Papiere der Deutschen Börse büssten 7 Prozent ein, während in London die Aktien des britischen Börsenbetreibers um 9 Prozent einbrachen. Trotz des Brexits wollen die beiden Konzerne an ihrem Fusionsplan festhalten. Da allerdings der rechtliche Sitz des Gemeinschaftsunternehmens London sein soll, wird das Vorhaben am Finanzmarkt zunehmend kritisch gesehen.

Aktien aus sogenannten defensiven Branchen, die nicht so stark von Wirtschaftsturbulenzen betroffen sind, zeigten sich relativ stabil: So hielten sich die Papiere von Henkel auf Vortagesniveau. Dabei wurden sie laut Händlern auch von einem Zukauf gestützt: Der Konsumgüterkonzern stärkt sein US-Geschäft mit der Übernahme des Waschmittelherstellers The Sun Products für 3,2 Milliarden Euro.

Indes ging der überraschende Fortgang des langjährigen Deutsche-Post-Finanzvorstandes Larry Rosen fast unter: Er tritt Ende September von seinem Posten beim Logistikkonzern zurück. Die Aktie Gelb büsste marktkonform knapp 7 Prozent ein./ck/das

--- Von Claudia Müller, dpa-AFX ---

(AWP)