Aktien Frankfurt Schluss: Brexit-Angst drückt Dax auf Dreimonatstief

FRANKFURT (awp international) - Die Talfahrt am deutschen Aktienmarkt hält an. Analyst Niall Delventhal von DailyFX sah die Kurse am Dienstag "weiterhin im Klammergriff der Brexit-Sorgen". Erneut sei das Kapital in als sicher geltende Anlagen wie etwa Bundesanleihen geflossen.
14.06.2016 18:10

Der Dax schloss 1,43 Prozent schwächer bei 9519,20 Punkten, was den niedrigsten Stand seit über drei Monaten bedeutete. Es war der fünfte Verlusttag in Folge für den deutschen Leitindex. Der MDax der mittelgrossen Unternehmen verlor am Dienstag 1,33 Prozent auf 19 537,14 Punkte und der Technologiewerte-Index TecDax fiel um 2,30 Prozent auf 1574,72 Punkte.

DOW JONES MIT DEUTLICH KLEINEREM MINUS

Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 gab um 1,97 Prozent auf 2797,18 Punkte nach. In Paris und London ging es für die nationalen Indizes ebenfalls kräftig bergab. Der US-Leitindex Dow Jones Industrial notierte zum europäischen Börsenschluss dagegen nur gut ein halbes Prozent im Minus.

Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding verwies darauf, dass die Umfragen zunehmend auf einen britischen Abschied aus der Europäischen Union hindeuteten. Gut eine Woche vor dem EU-Referendum in Grossbritannien liegen nach zwei neuen Umfragen die Befürworter eines Brexits mit bis zu sieben Prozentpunkten vorn. Ein Händler wertete es als weitere Zuspitzung, dass sich auch die auflagenstärkste britische Zeitung "The Sun" für einen Austritt der Briten aus der EU ausgesprochen hat.

BONITÄTSABSTUFUNG BELASTET RWE

Fallende Ölpreise sowie die übliche Nervosität vor der US-Leitzinsentscheidung am morgigen Mittwoch drückten zusätzlich auf die Stimmung. Der rückläufige Eurokurs, der deutsche Exporte in Länder ausserhalb des Währungsraums begünstigt, konnte dagegen letztlich ebenso wenig ausrichten wie gute europäische Industrieproduktionsdaten und amerikanische Einzelhandelsumsätze.

Bei Einzelwerten bewegten vor allem Analystenkommentare. Dax-Schlusslicht waren die Aktien von RWE mit einem Kursabschlag von 5,13 Prozent. Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hatte die Bonität des Versorgers gesenkt. Der Ausblick ist negativ. Hintergrund ist die Empfehlung der Atomkommission zur Finanzierung des Atomausstiegs. Dieser werde RWE mit knapp 6,5 Milliarden Euro belasten, schrieben die S&P-Experten.

WACKER CHEMIE AM MDAX-ENDE

Lufthansa-Aktien rutschten um 2,61 Prozent auf 10,995 Euro ab und fielen damit dauf den tiefsten Stand seit September 2015. Ein Börsianer machte hierfür das neue Kursziel von 8,50 Euro verantwortlich, mit dem die Investmentbank Kepler den Markt geschockt habe. Zudem spricht Analystin Ruxandra Haradau-Doser nun eine Verkaufsempfehlung aus.

Am MDax-Ende büssten die Papiere von Wacker Chemie 4,44 Prozent ein. Die US-Investmentbank Morgan Stanley sieht die Kurserholung bei dem Spezialchemiekonzern als ausgereizt an und strich ihre Kaufempfehlung. Konkurrent Evonik trauen die Experten dagegen noch einiges zu und empfehlen dessen Aktien daher zum Kauf - sie gewannen 2,13 Prozent.

EVONIK UND PFANDBRIEFBANK LEGEN ZU

An der Indexspitze gewannen die Anteilsscheine der Pfandbriefbank 2,80 Prozent auf 9,560 Euro, nachdem das Bankhaus Lampe die Beobachtung mit einer Kaufempfehlung sowie einem Kursziel von 13 Euro aufgenommen hatte.

In der Technologiebranche profitierte Xing nicht dauerhaft von Übernahmefantasien: Nach zwischenzeitlich deutlichen Gewinnen notierten die Aktien des Online-Karrierenetzwerks zum Schluss 0,69 Prozent im Minus bei 172,05 Euro. Am Vortag waren sie im Zuge der ersten Begeisterung über die geplante Übernahme des US-Konkurrenten LinkedIn durch Microsoft bis auf fast 190 Euro hochgeschossen.

EUROKURS FÄLLT IN RICHTUNG 1,12 US-DOLLAR

Das Transaktionsvolumen der US-Übernahme entspräche einem Xing-Kursniveau zwischen 227 und 247 Euro, rechnete Analyst Jochen Reichert von Warburg Research vor. Mittelfristig sieht er die Chance, dass sich der US-Softwareriese den ganzen Markt sichern will und dabei auch Xing schlucken könnte. Der bisherige Xing-Höchstkurs von 200 Euro datiert von Anfang Oktober 2015.

Am Rentenmarkt sank die Umlaufrendite börsennotierter Bundeswertpapiere von minus 0,09 Prozent am Vortag auf ein Rekordtief von minus 0,12 Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,20 Prozent auf 143,21 Punkte. Der Bund-Future gewann 0,24 Prozent auf 165,16 Punkte. Der Kurs des Euro sackte auf 1,1213 US-Dollar ab. Zuvor hatte die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs auf 1,1225 (Montag: 1,1268) US-Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,8909 (0,8875) Euro./gl/he

--- Von Gerold Löhle, dpa-AFX ---

(AWP)