Aktien Frankfurt Schluss: Brexit-Angst und Notenbanken setzen dem Dax zu

FRANKFURT (awp international) - Voreilig, wer bereits auf eine Wende am deutschen Aktienmarkt gehofft hat. Die zaghafte Erholung ist am Donnerstag von den Notenbanken zunichte gemacht worden. Das Stillhalten der Fed und der japanischen Notenbank in Sachen Geldpolitik sowie ihre Sorgen um die Weltwirtschaft brockten den Börsen zeitweise neue markante Verluste ein. Hinzu kamen wieder zunehmende Ängste vor einem Brexit, also einem Ausscheiden Grossbritanniens aus der EU.
16.06.2016 18:06

Der Dax beendete den über weite Strecken sehr trüben Handel letztlich aber mit einem vergleichsweise geringen Abschlag. Er sank um 0,59 Prozent auf 9550,47 Punkte, nachdem er am späteren Nachmittag noch um 1,8 Prozent gefallen war. Unterstützung kam vor allem durch den Eurokurs . Die Gemeinschaftswährung war wieder auf Talfahrt in Richtung 1,11 US-Dollar gegangen und kostete zuletzt 1,1141 Dollar. Ein schwächelnder Euro stützt exportorientierte Unternehmen, da diese ihre Waren ausserhalb der Eurozone leichter absetzen können.

MARKT EIN 'SEISMOGRAPH DER BREXIT-ÄNGSTE'

Der Markt bleibe auch in den kommenden Tagen ein Seismograph der Brexit-Ängste, sagte Börsenfachmann Daniel Saurenz von Feingold Research. Sollte es letztlich nicht zu einem Austritt aus der EU kommen, dürften die Schwankungen am Markt wieder beträchtlich zurückgehen und der Dax sich wieder deutlich erholen, erwartet er. "Solange müssen alle zittern, die Mutigen greifen aber zu."

Seit Mitte vergangener Woche hatte vor allem die Furcht vor den Folgen eines Brexit den Dax um 7,5 Prozent gedrückt. Die Erholungsbewegung am Mittwoch brachte dem Leitindex dann wieder rund 1 Prozent Plus. Der MDax sank am Donnerstag um 1,05 Prozent auf 19 468,39 Punkte. Der Technologiewerte-Index TecDax büsste 1,46 Prozent auf 1559,45 Punkte ein.

Europaweit und in den USA waren ähnliche Börsenschwankungen zu sehen. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 schloss letztlich ebenfalls mit einem moderaten Minus von 0,39 Prozent bei 2819,30 Punkten. Die Börsen in Paris und London verhielten sich entsprechend. In den USA zeigte sich der Dow Jones Industrial zum europäischen Handelsschluss mit 0,35 Prozent im Minus.

US-NOTENBANKCHEFIN BETONT UNSICHERHEIT

US-Notenbankchefin Janet Yellen hatte am Mittwochabend den Leitzins unverändert beibehalten und dabei auch das Risiko eines Brexit miteinbezogen. Marktexperte Gregor Kuhn vom Broker IG verwies zugleich darauf, dass Yellen dabei im Verlauf ihrer Begründung, wegen der wirtschaftlich und politisch ungewissen Gemengelage, gleich elfmal das Wort "unsicher" in den Mund genommen habe. "Eine Beschreibung, auf die die Kapitalmärkte äusserst sensibel reagieren, zumal wenn sie von der weltweit wichtigsten Notenbank in dieser Häufigkeit verwendet wird", erklärte Kuhn die zeitweise kräftigen Verluste im Dax.

Auch die Beschlüsse der Bank of Japan, die Geldschleusen vorerst nicht weiter zu öffnen, hatte die Märkte enttäuscht. Der japanische Yen stieg daraufhin deutlich, was wiederum die Tokioter Börse massiv unter Druck setzte. Der Nikkei-Index etwa büsste 3 Prozent ein. Jetzt wird in Tokio darauf gesetzt, dass die Bank of Japan ihre geldpolitischen Zügel zur nächsten Sitzung im Juli weiter lockert.

NEUE VW-STRATEGIE MISSFÄLLT ANLEGERN

Während die Aktie von Thyssenkrupp dank einer frisch ausgesprochenen Kaufempfehlung der Bank of America/Merrill Lynch zu den Spitzenwerten im Dax zählte und um 0,70 Prozent zulegte, gab die VW-Vorzugsaktie um 2,16 Prozent nach. Die neue "Strategie 2025" missfällt den Anlegern. Volkswagen (VW) will eine neue Sparte für Mobilitätsdienste gründen und dafür in den nächsten Jahren einen zweistelligen Milliardenbetrag investieren. Zudem will Konzernchef Matthias Müller den Autokonzern deutlich effizienter machen. DZ-Bank-Analyst Michael Punzet bemängelte fehlende Details zu den geplanten Massnahmen und auch zur Abgas-Affäre und schätzt das VW-Papier weiter skeptisch ein.

Ähnlich schwach wie VW ging der Anteilsschein der Deutschen Bank aus dem Tag. Zeitweilig bis auf ein Rekordtief bei 12,685 Euro gefallen, schloss das Papier mit minus 2,11 Prozent bei 12,995 Euro. Damit beläuft sich der Verlust der Aktie seit Jahresbeginn auf 42 Prozent, womit die Deutsche Bank der bis dato schwächste Dax-Wert 2016 ist. Das Commerzbank-Papier, am Donnerstag mit minus 2,34 Prozent am Index-Ende, folgt an zweiter Stelle mit einem Minus von rund 35 Prozent im bisherigen Jahresverlauf. Seit Ende Mai steht der gesamte europäische Bankensektor unter Druck.

Nach dem offiziellen Übernahmeangebot der chinesischen Midea gewann die Aktie des Roboter- und Anlagenbauers Kuka 1,84 Prozent und war damit Spitzenwert im MDax. Die Offerte sei erwartet worden, wirke aber dennoch klar positiv, sagte ein Händler und empfahl den Anlegern, ihre Aktien anzudienen.

UMLAUFRENDITE AUF NEUEM REKORDTIEF

Am Rentenmarkt fiel die Umlaufrendite börsennotierter Bundeswertpapiere von minus 0,11 Prozent am Vortag auf ein neues Rekordtief von minus 0,14 Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,11 Prozent auf 143,25 Punkte. Der Bund-Future rückte um 0,07 Prozent auf 165,46 Punkte vor. Den Referenzkurs für den Euro hatte die Europäische Zentralbank auf 1,1174 (Mittwoch: 1,1230) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,8949 (0,8905) Euro./ck/jha/

--- Von Claudia Müller, dpa-AFX ---

(AWP)