Aktien Frankfurt Schluss: Brexit-Schock sorgt für erneute Dax-Talfahrt

FRANKFURT (awp international) - Der Brexit-Schock sitzt tief an der Börse. Verunsicherte Anleger schickten den deutschen Aktienmarkt am Montag weiter auf Talfahrt. Der Dax fiel zeitweise auf den tiefsten Stand seit dem 25. Februar. Mit einem Abschlag von 3,02 Prozent auf 9268,66 Punkten ging der deutsche Leitindex aus dem Tag.
27.06.2016 18:31

Investoren schreckten vor den Risiken eines Austritts Grossbritanniens aus der EU zurück, sagten Händlern und Marktanalysten. Am vergangenen Donnerstag hatten die Briten per Volksabstimmung den sogenannten Brexit beschlossen und damit die Finanzmärkte erschüttert. Dagegen rückte der überraschend klare Wahlerfolg der konservativen Volkspartei (PP) in Spanien in den Hintergrund, zumal er eine Regierungsbildung dennoch nicht einfacher machen wird. Die Spanier hatten am Sonntag zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten ein neues Parlament gewählt.

Der MDax der mittelgrossen Unternehmen brach am Montag um weitere 4,58 Prozent auf 18 920,99 Punkte ein. Der Technologiewerte-Index TecDax sackte um 4,15 Prozent auf 1520,88 Punkte ab. Auch europaweit sah es kaum besser aus: Der EuroStoxx 50 büsste weitere 2,83 Prozent auf 2697,44 Punkte ein. Auch in Paris und London waren die Kurstafeln tiefrot.

Kaum besser sah es im laufenden Wall-Street-Handel aus: In den USA verlor der Leitindex Dow Jones Industrial zugleich 1,5 Prozent. Die Nasdaq-Indizes gaben um die 2 Prozent nach.

GOLD, YEN, FRANKEN UND ANLEIHEN WEITER STARK GEFRAGT

Gefragt blieben dagegen als "sichere Häfen" geltende Anlagen: Der Goldpreis setzte seinen Aufwärtstrend fort, und auch der japanische Yen oder der Schweizer Franke waren als Fluchtwährung weiter beliebt.

Am deutschen Rentenmarkt fiel die durchschnittliche Verzinsung der Bundesanleihen erneut auf ein Rekordtief: Die Umlaufrendite sank von minus 0,20 Prozent am Freitag auf minus 0,23 Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,08 Prozent auf 143,79 Punkte. Der Bund-Future sprang um 0,71 Prozent auf 166,79 Punkte hoch. Der Kurs des Euro fiel: Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,0998 (Freitag: 1,1066) US-Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,9093 (0,9037) Euro.

Chinas Premier Li Keqiang sieht den Brexit als Belastung für die Erholung der Weltwirtschaft. Der britische Finanzminister George Osborne befürchtet negative Folgen der Entscheidung für die einheimische Wirtschaft. Zugleich droht die US-Ratingagentur Moody's Grossbritannien nun mit einer Herabstufung, während zahlreiche namhafte Investmentbanken ihre Anlageurteile und Kursziele für Aktien über fast alle Branchen und europäischen Länder hinweg kappten. "Wer jetzt Aktien kauft, muss auf die Zentralbanken hoffen", kommentierte Analyst Jochen Stanzl von CMC Markets.

BANKENBRANCHE ERNEUT STARK BELASTET

Stark belastet war erneut die Bankenbranche, die besonders unter dem bevorstehenden Brexit leiden dürfte. Die Aktien der Deutschen Bank rutschten auf ein neues Rekordtief bei 12,07 Euro und gingen schliesslich mit minus 6,17 Prozent bei 12,54 Euro aus dem Tag. Analyst Kian Abouhossein von JPMorgan strich seine Empfehlung für die Papiere des Finanzkonzerns. Damit habe einer der letzten Optimisten seine positive Einschätzung geändert, sagte ein Börsianer.

Die Commerzbank-Titel verloren 5,24 Prozent, und im MDax sackten die Aktien der Deutschen Pfandbriefbank um 8,02 Prozent ab. CMC-Marktanalyst Stanzl verwies darauf, dass der Sektor bereits vor dem Referendum immens unter Druck gestanden habe. Nun komme die Neuordnung eines Finanzplatzes hinzu, der zu den wichtigsten der Welt zähle.

Die Aktien der Lufthansa verloren am Dax-Ende 8,26 Prozent auf 10,05 Euro, nachdem die US-Investmentbank Goldman Sachs das Kursziel auf 10 Euro gesenkt und ihre Verkaufsempfehlung bestätigt hatte. Der britische EU-Austritt dürfte die Nachfrage nach Flug-, Pauschal- und Bahnreisen verringern, schrieb Analystin Alexia Dogani in einer Branchenstudie.

HeidelbergCement sackten um 8,03 Prozent ab. Laut Händlern stufte die US-Bank Merrill Lynch die Aktien des Baustoffherstellers ab. Zudem senkten andere Banken ihre Kursziele.

IMMOBILIENTITEL PROFITIEREN VON BREXIT

Dagegen setzten sich die Papiere des Immobilienkonzerns Vonovia mit plus 2,37 Prozent an die Dax-Spitze. Kurstreiber war laut Börsianern eine neue Kaufempfehlung von Morgan Stanley. Die deutsche Immobilienbranche profitiere von der Hoffnung, dass einige Banken Personal von London nach Frankfurt verschieben. Für die Vonovia-Konkurrentin Deutsche Wohnen ging es im MDax um 1,25 Prozent hoch und im SDax profitierten Ado Properties .

Beim Dünger- und Salzproduzenten K+S liessen enttäuschende Geschäftszahlen für das zweite Quartal den Aktienkurs am MDax-Ende um 12,41 Prozent einbrechen.

Nicht nachhaltig waren die spekulativen Kursgewinne der Wirecard-Aktie von zeitweise fast 6 Prozent. Der Betreiber der chinesischen Alibaba-Tochter Alipay dementierte Berichte über eine eventuell bevorstehende Beteiligung am deutschen Zahlungsabwickler, was dessen Aktien letztlich wieder um 3,76 Prozent abrutschen liess./ck/das

--- Von Claudia Müller, dpa-AFX ---

(AWP)