Ausverkauf bei Staatsanleihen weltweit - Renditen im Aufwind

FRANKFURT (awp international) - Die erwartete Trendwende in der Geldpolitik hat die Anleihekurse in dieser Woche weltweit auf Talfahrt geschickt. Die Erwartung steigender Inflationsraten aber auch die gesunkenen Wahlaussichten von US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump führten an den vergangenen Tagen zu massiven Abflüssen aus den als sicher geltenden Staatsanleihen. Die Kursverluste am Donnerstag bezeichneten die Anleiheexperten der Commerzbank gar als Ausverkauf. Am Freitag beruhigte sich die Lage nach anfänglichen weiteren Abschlägen etwas.
28.10.2016 12:25

"Der gestrige Ausverkauf von Bunds erweist sich als der grösste an einem einzigen Tag seit der EZB-Sitzung von Dezember 2015", schreiben Anleiheexperten der Commerzbank mit Blick auf die Kursverluste vom Donnerstag. Im Zuge der gefallenen Kurse legten die Renditen deutlich zu. Die Rendite ist die Verzinsung der Papiere unter Berücksichtigung des aktuellen Kurses. So kletterte die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen deutschen Bundesanleihen am Freitag kurzzeitig bis auf 0,217 Prozent. Anfang Juni war sie noch zeitweise bis auf minus 0,205 Prozent gesunken. In den USA stieg die Rendite für zehnjährige Anleihen auf den höchsten Stand seit Anfang Juni.

US-ZINSERHÖHUNG IM DEZEMBER ERWARTET

Es handelt sich also nicht nur um ein europäisches Phänomen. Ihren Ausgangspunkt hat diese Entwicklung vielmehr in den USA. Laut Wahlumfragen sind die Siegchancen für US-Präsidentschaftskanditat Donald Tump zuletzt deutlich gesunken. Ein möglicher Wahlsieg des Republikaners wird als grosser Unsicherheitsfaktor für die US-Geldpolitik gesehen. Bei einem Erfolg der Demokratin Hillary Clinton gilt eine Leitzinsanhebung der US-Notenbank Fed im Dezember als wahrscheinlich. Höhere Leitzinsen und eine geringere Verunsicherung belasten Anleihen tendenziell.

Steigende Verbraucherpreise tragen zudem zur Entwicklung bei. Daher könnte die Entwicklung an den Anleihemärkten weiter an Fahrt gewinnen. "Und noch scheint kein Ende der Bewegung in Sicht, denn das Inflationsgespenst greift um sich", schreiben die Experten vom Bankhaus Metzler. So hat sich die Inflationsrate auch in Deutschland im Oktober laut ersten Daten aus den Bundesländern beschleunigt. Zuvor hatte Spanien eine stärker als erwartet gestiegene Inflationsrate gemeldet.

PREISE KÖNNTEN WEITER STEIGEN

Eine Leitzinserhöhung in der Eurozone liegt zwar noch in weiter Ferne. Schliesslich erwarten Experten für den Oktober in der Eurozone lediglich einen Anstieg der Jahresinflationsrate auf 0,5 Prozent. Die EZB strebt auf mittlere Sicht eine Rate von knapp zwei Prozent an. Jedoch wird auch in der Eurozone ein weiterer Anstieg der Verbraucherpreise erwartet, der vielleicht nicht nur mit der Ölpreisentwicklung begründet werden kann. Schliesslich haben zuletzt eine Reihe von Konjunkturindikatoren positiv überrascht. Eine stärker wachsende Wirtschaft geht zumeist auch mit steigenden Preisen einher. Die Diskussionen über eine mögliche Rückführung der milliardenschweren Anleihekäufe der EZB könnte daher die Anleihen der Eurozone weiter unter Druck bringen.

An eine Trendwende glauben die Experten der Commerzbank jedoch nicht: "Insgesamt betrachtet halten wir den gegenwärtigen Ausverkauf am Anleihenmarkt nicht für den Beginn eines langfristigen Abwärtstrends." Schliesslich hätten Notenbankvertreter deutlich gemacht, dass sie ein "Hinausschiessen" der Inflation zunächst hinnehmen wollen. Die Zinsen dürften also noch lange niedrig bleiben.

Zudem gibt es weiterhin Risiken. Vor allem das italienische Verfassungsreferendum am 4. Dezember könnte nochmal einen Unsicherheitsschock auslösen. Ein möglicher Rücktritt von Premierminister Mateo Renzi könnte die drittgrösste Volkswirtschaft der Eurozone und damit die gesamte Währungsunion in Turbulenzen bringen. Auch bei der Wahl in den USA sind Überraschungen nicht ausgeschlossen. Anleihen könnten also wieder gefragt sein./jsl/jkr/stb

(AWP)