Europas Bankaktien erholen sich - Deutsche taumeln weiter

MAILAND/FRANKFURT/LONDON (awp international) - Europäische Bankaktien haben am Mittwoch ihren freien Fall der vergangenen Tage gestoppt. Die Papiere der Geldhäuser beendeten den Handel mit einem Plus von gut 1,8 Prozent und waren so der Favorit in der europäischen Branchenübersicht. Eine negative Ausnahme waren jedoch die Papiere der Commerzbank und der Deutschen Bank , die mit Abgaben von 0,69 beziehungsweise 0,31 nahtlos an ihre Talfahrt der vergangenen Tage anknüpften. Aus dem Handel gingen beide Titel auf dem bisher niedrigsten Schlussstand ihrer Geschichte.
03.08.2016 18:31

Mit Blick auf die Commerzbank nährte am Mittwoch eine skeptische Studie der US-Investmentbank Merrill Lynch die Sorgen der Anleger. Analyst Johan Ekblom hatte wegen des anhaltenden Zinstiefs endgültig den Daumen über die Aktien gesenkt und hält sie nun für die am wenigsten attraktiven Werte in seinem Beobachtungsuniversum. Der Experte geht davon aus, dass die teilverstaatlichte Bank die Dividende wieder streichen wird, um das Geld im Haus zu halten.

GUTE NACHRICHTEN AUS ENGLAND - ITALIEN WEITER EIN PROBLEMFALL

Die europaweite Erholung des Bankensektor nach zwei schwachen Tagen wurde am Markt vor allem mit Nachrichten aus England begründet. Laut Marktanalyst Jasper Lawler vom Handelshaus CMC Markets reagierten die Anleger insgesamt erleichtert auf die Ankündigung des britischen Instituts HSBC, eigene Aktien zurückkaufen zu wollen. HSBC-Papiere gewannen in London gut 4,5 Prozent. Analyst Ronit Ghose von der Citigroup wertete zusätzlich Aussagen der Bank zur Dividende positiv.

Doch nach dem jüngsten Bankenstresstest, der den Aktien zuletzt zwei schwache Tage beschert hatte, warnten Experten am Mittwoch weiterhin vor verfrühtem Optimismus. Ungemach drohe vor allem von italienischen Banken, die weiterhin unter der Wirtschaftskrise des Landes litten. Insofern fehle es ihnen an Wachstum, um Erträge zu erzielen und Verluste aus faulen Krediten auszugleichen, sagte Martin Hellmich, Bankenprofessor für Risikomanagement an der Frankfurt School of Finance.

LEERVERKÄUFER BEI MONTE DEI PASCHI AM WERK

Einem auf sogenannte Leerverkäufe spezialisierten Analysten zufolge könnten in Zukunft vor allem die Aktien der kriselnden Banca Monte dei Paschi di Siena (MPS) weiter unter Druck geraten. Denn mittlerweile seien mehr als drei Viertel der Papiere der Bank an Leerverkäufer ausgeliehen worden, die mit fallenden Kursen Geld verdienen wollten. Die Nachfrage nach Anteilsscheinen der Bank sei mittlerweile bereits so hoch, dass sich die Leihgebühren seit Ende Juli erhöht hätten.

Bei derartigen Transaktionen verkaufen Leerverkäufer (Short Seller) Aktien, die sie sich zunächst nur geliehen haben. Fällt der Kurs der Aktie danach, können sie die geliehenen Papiere später billiger wieder am Markt einsammeln und zurückgeben.

SHORT SELLER BEI DEUTSCHEN BANKEN AUF DEM RÜCKZUG

Hierzulande hatten sowohl die Deutsche Bank als auch die Commerzbank dem Leerverkaufs-Experten zufolge Mitte Juli kurz erhöhte Aufmerksamkeit potenzieller Short Seller auf sich gezogen, bevor das Interesse wieder nachgelassen habe. Seinerzeit hatte bereits die Angst vor den Auswirkungen des Brexit und die Sorge vor Verwerfungen in Italiens Bankenlandschaft Aktien beider Häuser auf Tiefstände abrutschen lassen.

Im Falle der Deutschen Bank hatte Ende Juni der Starinvestor George Soros als Short Seller von sich reden gemacht. Soros war kurz nach dem britischen Votum für einen EU-Austritt eine 100 Millionen Euro schwere Wette auf einen weiteren Kursverfall der Aktien des grössten deutschen Kreditinstituts eingegangen. Eine ähnliche Handelsposition meldete laut Bundesanzeiger Anfang August auch der Londoner Hedgefonds Marshall Wace, der vor zwei Jahren vom Untergang der portugiesischen Banco Espirito Santo profitiert hatte. Der Hedgsfond Discovery Capital Management setzt aktuell ebenfalls auf einen weiteren Kursrückgang bei den Papieren der Deutschen Bank.

Doch allzu gross ist der Einfluss dieser professionellen Leerverkäufer wohl nicht: Laut Bundesanzeiger halten sowohl Soros als auch Marshall Wace und Discovery Capital Netto-Leerverkaufsposition von jeweils weniger als 1 Prozent der insgesamt ausgegebenen Deutsche-Bank-Aktien./la/tih/he

(AWP)