Florida in der Schockstarre - Wie schlimm wütet Hurrikan "Irma"?

Unaufhaltsam zieht "Irma" ihre zerstörerische Bahn: Nach seinem verheerenden Zug durch die Karibik wütet der grosse Orkan nun im US-Bundesstaat Florida. Auf der Inselkette Key West heisst es vielerorts bereits "Land unter".
10.09.2017 18:44

Florida in der Schockstarre: Das öffentliche Leben steht in grossen Teilen des US-Bundesstaates still. Sechsspurige Highways - leer gefegt. Tankstellen - leergepumpt. Auf den Keys, ganz im Süden, sterben erste Menschen, als sie die Kontrolle über ihre Autos verlieren. Mehr als eine Million Haushalte sind ohne Strom.

Fast jeder der 20 Millionen Einwohner Floridas ist irgendwie betroffen; 6,5 Millionen von ihnen wurde aufgerufen, sich in Sicherheit zu bringen. Es könnte der schlimmste Sturm werden, der die Halbinsel im Süden der USA je getroffen hat. 1992 hatte Hurrikan "Andrew" den Bundesstaat flächendeckend verwüstet. "Irma" könnte noch schlimmer werden.

Im Südwesten, wo der Hurrikan im Laufe des Sonntags (Ortszeit) mit Windgeschwindigkeiten um die 200 Kilometer pro Stunde aufs Festland treffen sollte, ist kein einziges Geschäft mehr geöffnet. "Es wird schlimm, es wird eine Katastrophe", sagt eine Frau, als sie gerade im letzten offenen Laden noch ein paar Lebensmittel einheimst. Der Hurrikan ist nicht mehr weit.

Wer sollte dort auch einkaufen? Die Menschen sind grossteils geflohen: Wer konnte, hat Florida verlassen. Wer Glück hatte, fand ein Hotel, ausserhalb der Evakuierungszone. Im Westen Floridas, bis hinauf nach Tampa, sind Hotelzimmer in halbwegs sicherer Lage komplett ausgebucht. Einige bleiben im eigenen Haus, verrammelt mit Sperrholzplatten und Metallpaneelen.

Fucht vor Sturmfluten

Im Südosten, um Miami und Palm Beach herum, toben Tornados. Die Menschen fürchten, dass Sturmfluten das Meerwasser hereinwaschen. Bis zu vier Meter hoch könnten die Wellen werden, dort wo jetzt Häuser stehen und Strassen entlangführen.

"Mein Dach stammt aus der Zeit vor Hurrikan Andrew", sagt Steve Pietrzyk, ein Mann aus Bonita Springs, an der Westküste. Deswegen hat er mit seiner Frau Lynn Unterschlupf im Motel "Days Inn" gesucht, ganz am Rand der Evakuierungszone. Dort will er gemeinsam mit rund 100 anderen Gästen ausharren, bis "Irma" vorbeigezogen ist. Strom gibt es auch dort nicht mehr.

Die Gäste sitzen im Frühstücksraum zusammen, machen sich Mut. Die meisten sind Einheimische, deren Häuser zu nahe am Wasser liegen. Neben Pietrzyk sitzt Tom Tortorice, ein 89 Jahre alter Koreakrieg-Veteran. Er hat ganz andere Probleme. Er kann zum Beispiel beim besten Willen nicht verstehen, warum US-Präsident Donald Trump Nordkorea nicht angreift.

Mehr als 400 Notunterkünfte

Wer kein Hotelzimmer mehr bekommen konnte, muss in einen der Schutzräume: Fast alle der 421 Notunterkünfte sind in Schulen oder Kirchen untergebracht, strategisch günstig gelegen, am Rande der Evakuierungszonen. Rund eine halbe Million Menschen haben sie schon aufgenommen.

Aber es sind trotzdem zu wenige. Bewohner klagen, die Behörden hätten zu lange gehofft, der Sturm werde im Osten, in der Region um Miami, seine grösste Kraft entfalten. Dort wiederum herrscht Angst vor Sturmfluten und Tornados.

Im Boynton Freizeitzentrum in Palm Beach herrscht noch am Samstag erstaunliche Ruhe. Alte und junge Menschen haben sich auf Luftmatratzen ausgestreckt, scrollen auf ihren Smartphones, blättern in Zeitschriften. Hier und da unterhält sich jemand. Und ab und an ertönt ein leises "Miau" - hinter der schwarzen Plastikplane, die die knapp 200 Menschen in der Notunterkunft von den mehr als 80 Katzen dort trennt.

Das Zentrum ist eine von 17 Notunterkünften in dem Bezirk im Süden Floridas. Knapp 16'000 Menschen haben allein dort nach Behördenangaben bis Samstagmittag Schutz in Notunterkünften gesucht. In ganz Florida waren es bis zum Sonntagmittag nach offiziellen Angaben über 450'000.

Haustiere kommen mit

"Irma" hat alle Gestrandeten in die gleiche Situation gebracht. Höflich ist die Atmosphäre, man hält sich die Tür auf, lächelt einander zu. "Wir sind nicht gerade das Hilton, aber es ist besser als nichts", sagt Liz Harfmann, vom Tierschutzamt des Landkreises Palm Beach County, die für die Notunterkunft zuständig ist. In der Küche trifft gerade palettenweise Wasser ein, Obstkisten stapeln sich.

Die Mahlzeiten liefert und zahlt der Staat - alles andere wie Schlafsack, Matratze und Kleidung müssen Schutzsuchende selbst mitbringen. Feldbetten gibt es nicht. Viele schlafen auf dem Turnhallenboden, nur mit einer dünnen Decke geschützt.

Das Zentrum ist das einzige in Palm Beach County, in dem auch Haustiere erlaubt sind. Auf dem Gang vor der Turnhalle späht ein Graupapagei aus dem Türgitter einer Katzen-Transportbox, in mehreren Vogelkäfigen daneben zwitschern Wellensittiche.

150 Hunde, 83 Katzen, zwei Beuteltiere und 15 Vögel hat Liz feinsäuberlich auf einer Tafel notiert. "Keine Reptilien, kein Vieh", so lauten die Hausregeln in der Schutzunterkunft.

18 Angestellte und eine Handvoll Freiwillige sind in der Notunterkunft verantwortlich - für Mensch und Tier gleichermassen, rund um die Uhr. "Auch wenn jemand um 3 Uhr nachts mit seinem Hund kommt, heissen wir ihn willkommen."

"Wie ein grosses Camping"

Alte, Kranke und Behinderte schleppen sich in die Unterkünfte. Margarethe hat gerade eine Hirnoperation hinter sich. Ihre Tochter war von Hurrikan "Harvey" in Texas betroffen, jetzt ist sie die Leidtragende. "Wir leben in Boca Raton, in einer Flutzone", sagt sie.

Emma, die zehn Jahre alte Tochter ihres Lebensgefährten, ist bei ihr. Der Vater ist Holzfäller. Er kam nicht rechtzeitig vom Arbeitseinsatz an der kanadischen Grenze zurück. Emma kümmert sich um ihr Kätzchen Drusil. "Sie ist ziemlich traumatisiert", sagt sie über das Tier, das in einem der gestapelten Katzenkäfige einen Platz gefunden hat.

Die menschlichen Bewohner der Unterkunft nehmen die Situation überwiegend sportlich. "Es ist wie ein grosses Camping, nur drinnen", scherzt Roger Hurley. Frau und Kinder sind in der Schule nebenan untergekommen, der 54-Jährige bleibt bei den zwei Schäferhunden der Familie. Jeder Besitzer erhält ein nummeriertes Arm-, jedes Tier ein Halsband. Gassigeh-Zeiten legt ein Stundenplan fest.

Bis er wieder an der Reihe ist, macht Hurley es sich vor dem Zentrum gemütlich - mit Zigarre zwischen den Zähnen und einer Mini-E-Gitarre im Schoss. Langeweile ist neben "Irma" der grösste Feind der Gestrandeten. In einem Schutzraum setzt sich eine Frau eine Clownsnase auf, umgeben von einer Schar Kinder.

Hurley dagegen nimmt es gelassen. "Ich habe "Andrew" 1992 miterlebt, letztes Jahr hatten wir auch einen Hurrikan, den ich hier verbracht habe", erzählt er. Er könne es kaum abwarten, bis der Sturm vorbeiziehe: "Dann können wir endlich wieder nach Hause." Dazwischen liegen noch bange Stunden.

(AWP)