Abgas-Skandal: Konsumentenschutz klagt VW und Amag ein

(Ergänzte Fassung) - Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) hat am Donnerstag eine Verbandsklage gegen den Autoimporteur Amag und Volkswagen eingereicht. In einem nächsten Schritt will die SKS für Schadenersatz klagen. Amag weist die Vorwürfe und Ansprüche zurück.
07.09.2017 15:49

Obwohl in der Schweiz keine Sammelklagen möglich sind, wollen die Konsumentenschützer den betroffenen 180'000 Autobesitzern hierzulande zu einem Schadenersatz von je 3000 bis 7000 CHF verhelfen.

Dazu hat die SKS ein neues zweistufiges Klagekonzept entwickelt. In einem ersten Schritt haben die Konsumentenschützer in Zürich eine Verbandsklage gegen den Volkswagenkonzern und den Generalimporteur Amag eingereicht, wie die SKS mitteilte.

Volkswagen und Amag sollen die Autokäufer mit den Abgas-Manipulationen widerrechtlich getäuscht haben. "Mit der Verbandsklage lassen wir einen Schweizer Richter prüfen, ob Volkswagen mit den Abgas-Manipulationen Schweizerisches Recht verletzt hat", sagte SKS-Geschäftsleiterin Sara Stalder.

DROHENDE VERJÄHRUNG

Die richterliche Beurteilung der Verbandsklage bilde die Basis für eine darauf folgende Schadenersatzklage. Da die Kunden rund 15% des Kaufpreises zu viel bezahlt haben dürften, läge der entstandene Schaden zwischen 3000 und 7000 CHF pro Fahrzeughalter.

Die Konsumentenschützer wollen die Klage auf Entschädigung in einem zweiten Schritt noch dieses Jahr einreichen, auch wenn noch kein Urteil betreffend Irreführung vorliege.

Denn ab Januar 2018 drohten die Ansprüche der betroffenen Halter und Halterinnen zu verjähren. Deshalb sollten sich betroffene VW-, Audi- und Skoda-Besitzer möglichst bald dem Klageprojekt des SKS anschliessen, wie es weiter heisst. Der SKS übernehme das Prozessrisiko für jene ohne Rechtsschutzversicherung.

AMAG SIEHT KEINEN SCHADEN

Die Amag weist den Vorwurf der Irreführung zurück. Eine solche würde voraussetzen, dass jemand vorsätzlich eine andere Person täuschen wolle - das sei nicht der Fall, sagte Amag-Sprecher Dino Graf auf Anfrage der sda.

"Die von der SKS behaupteten Ansprüche gegen die Amag würden eine widerrechtliche Täuschung voraussetzen, welche nicht vorliegt und von der Amag mit Nachdruck zurückgewiesen wird", führte er aus.

Aus Sicht der Amag sei zudem kein Schaden ersichtlich, so Graf. Die Behauptung der SKS, der Kunde habe durchschnittlich 15 Prozent des Kaufpreises zu viel bezahlt, sei nicht nachvollziehbar.

Gemäss Amag haben Dieselfahrzeuge hierzulande wenig ihres Wiederverkaufswerts verloren. Der Unterschied betrage bei einem Durchschnittspreis von 19'000 Franken, wenn überhaupt, maximal 380 CHF.

Graf betont zudem, Amag habe unmittelbar nach Bekanntwerden des Abgas-Skandals einen Verkaufsstopp für betroffene Neufahrzeuge verhängt. Auch die Bundesanwaltschaft habe festgestellt, dass es keinen Anfangsverdacht gegen die Amag gibt. Die Amag Automobil- und Motoren AG sei ausserdem rechtlich unabhängig von Volkswagen.

EIN VERGLEICH WAHRSCHEINLICH

Für den Rechtsexperten Alexander de Beer aus Zollikon sind die Überlegungen der Konsumentenschützer plausibel. Ihm sei kein Präjudiz bekannt. Bei einzelnen kleineren Fällen, bei denen sich bisher Anleger für Klagen zusammenschlossen, hätten sich die Fälle durch Vergleiche erledigt.

Allerdings könnte sich der anhaltende Reputationsverlust auf das Gesamtgeschäft von Amag und VW niederschlagen, sagte de Beer auf Anfrage der sda weiter. "Es ist deshalb denkbar, dass schliesslich auch VW und Amag eine einvernehmliche Lösung des Falles befürworten."

ROMANDS NICHT DABEI

In den USA können Fahrer betroffener Autos mehr als 5000 USD Entschädigung bekommen. In Europa verweigerte VW bisher Kollektiv-Entschädigungen. Immerhin hatte sich die EU-Kommission im Sommer mit VW auf eine "De-Facto-Extragarantie" von zwei Jahren auf Bauteile geeinigt, die von der Reparatur betroffen sind.

Die Westschweizer Konsumentenschützer, die Fédération romande des Consommateurs (FRC), werden nächsten Montag zusammen mit europäischen Konsumentenschützern eine Sammelklage gegen VW lancieren. "Uns war die Strategie der SKS bekannt, aber wir bevorzugen ein europäisches Vorgehen", sagte Florence Bettschaft, Politik- und Rechtsveranwortliche von FRC.

Die Stiftung für Konsumentenschutz ihrerseits will sich keiner internationalen Sammelklage anschliessen, weil sie befürchte, das werde vor allem zu einem Geschäft für Anwälte auf Kosten der Konsumenten.

(AWP)