Angestellte in der Industrie vor Lohndumping ungleich geschützt

Lohndumping im Detailhandel oder in der Reinigungsbranche ist mit einem verbindlichen GAV begegnet worden. Jetzt zeigt sich: Auch die Industrie bezahlt teilweise Löhne unter 3'000 CHF. Die Kantone Zürich und Genf geben nun Gegensteuer.
16.01.2017 10:48

"Besonders in jenen Bereichen der Industrie, in denen keine Mindestlöhne festgelegt sind, ist Lohndumping ein Problem", erklärt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizer Gewerkschaftsbunds (SGB) gegenüber der Nachrichtenagentur sda. So zum Beispiel bei Installations- und Wartungsarbeiten von Maschinen. Der Kanton Zürich will dort nun einen Mindestlohn einführen.

Laut Nicolas Aune, Generalsekretär des Genfer Industrieverbands (UIG), wird auch in Unternehmen der Zulieferung und ähnlichen Betrieben der Lohn unterboten, die der ausländischen Konkurrenz in Europa Paroli bieten müssen.

WENIGER ALS 3'000 CHF

In der Uhrenindustrie sind es etwa ein Viertel der Betriebe, die nicht dem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Branche unterstellt sind, schätzt Pierluigi Fedele, Verantwortlicher für die Uhrenindustrie bei der Gewerkschaft Unia.

Dort sind Fälle von Lohndumping wohl häufiger anzutreffen. Das gilt vor allem für Unternehmen, die in Grenznähe wie in den Kantonen Neuenburg, Jura und Waadt ansässig sind.

Pierluigi Fidele stellte in einigen Betrieben sogar Bruttolöhne unter 3'000 CHF fest. "Auch in der Maschinenindustrie geraten die Löhne aufgrund der Personenfreizügigkeit mehr und mehr unter Druck."

Angesichts dieses Problems hat Genf nun die Schrauben angezogen und für diesen Sektor einen Standard-Arbeitsvertrag erarbeitet.

TARIFE NICHT VERBINDLICH

Über alle Industriebereiche hinweg, habe der Genfer Industrieverband im vergangenen Jahr aber nicht mehr Fälle von Lohndumping gezählt. Auch die Frankenstärke übe keinen besonderen Druck auf die Löhne aus, betont Nicolas Aune.

Ähnlich tönt es seitens des Gewerkschaftsbunds SGB. Die Löhne in der Industrie haben zwar stagniert, sind aber trotz des stärkeren Franken nicht gesunken.

Dennoch ist gemäss Pierluigi Fidele nicht alles rosig. Der Regionalsekretär der Unia Transjurane kritisiert, dass ein allgemeingültig erklärter Gesamtarbeitsvertrag fehle. So seien die Tarifvereinbarungen in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie nicht obligatorisch und Fälle von Lohndumping damit eher möglich.

MINDESTLÖHNE ZU TIEF

Gesamtarbeitsvertrag hin oder her. Für Diego Frieden, Zentralsekretär der Gewerkschaft Syna, fehlen vor allem effiziente Kontrollinstrumente, um die Mindestlöhne durchzusetzen.

Im Gegensatz zu Bereichen, die stärker an den Gesamtarbeitsvertrag der Branche gebunden sind - beispielsweise die Sicherheit und das Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe - zählt die Industrie zahlreiche Unternehmens-Tarifvereinbarungen.

Die Mehrheit davon seien verbindlich. In Anbetracht der Reichweite dieser Verträge brauche es Kontrollinstrumente zur Überwachung der Löhne, sagt Frieden. Die Einführung von Mindestlöhnen sei ausserdem nicht das Allheilmittel. Der Mindestlohn diene als Referenzlohn. Erst eine Abweichung von 15 bis 20% würde als Lohndumping gelten.

Ein bereits tiefer Mindestlohn kann also noch unterschritten werden und würde dennoch akzeptiert, trotz seines fast skandalösen Niveaus. Frieden spricht sich daher für eine weitere Anpassung der Mindestlöhne aus.

(AWP)