Bereits 1,3 Millionen Swisscom-Kunden telefonieren übers Internet

(Neu: Aussagen der UPC-Sprecherin im letzten Abschnitt)
05.07.2016 17:20

Zürich (awp/sda) - Die Digitalisierung der Telefonie in der Schweiz macht Fortschritte. Mittlerweile telefonieren 1,3 Millionen Festnetzkunden der Swisscom übers Internet. Ende 2017 wird der analogen Sprachtelefonie der Stecker gezogen. Ab dann hat das gute alte Wählscheibentelefon endgültig ausgedient.

Es hätten bereits 60% des Kundenbestandes auf die Telefonie übers Internetprotokoll (IP) umgestellt, sagte Beat Döös, Leiter der Umstellung auf die IP-Technik bei der Swisscom, am Dienstag vor den Medien in Zürich: "Wir sind auf Kurs." Es sei realistisch, dass die Swisscom bis Ende 2017 alle analogen Anschlüsse umgestellt habe.

Der grösste Telekomkonzern der Schweiz hatte bereits im März 2014 angekündigt, Ende 2017 die analoge Sprachtelefonie knapp 160 Jahre nach der Erfindung durch Johann Philipp Reis zu beerdigen. Die analoge Telefonie stehe vor dem Aus, sagte Döös: "Es gibt immer weniger Ersatzteile und Spezialisten." Kaum ein Hersteller entwickle diese Technologie noch weiter.

Ab Ende 2017 brauchen auch die Kunden, die weiterhin nur mit der Swisscom telefonieren wollen, einen Router, um ihr Telefon anzustecken. Das gute alte Wählscheibentelefon habe damit ausgedient, erklärte Döös. Auch ISDN-Telefone bei Privatkunden würden nicht mehr funktionieren. Das sei aber kein grosses Problem mehr. Denn heute hätten nur noch 4% aller Privatkunden ISDN.

Anders sieht es bei den KMU aus, wo ISDN noch wesentlich verbreiteter sei. Diesen werde ein Router angeboten, mit dem ISDN-Telefone weiterhin benutzt werden könnten, erklärte Döös.

NACHTEIL BEI STROMAUSFALL

Der Nachteil der Internettelefonie ist, dass bei einem Ausfall des Routers oder des Stroms nicht mehr telefoniert werden kann. Zudem ist die Ortung des Anrufers nicht mehr möglich. Das alte Analogtelefon funktioniert dagegen unabhängig von der Stromversorgung zu Hause und kann geortet werden.

Mit der Internettechnologie kann dafür die Festnetznummer von zu Hause auch im Ferienchalet genutzt werden. Wenn das Ferienhaus aber brenne, würde bei einem Notruf von dieser Nummer aus die Feuerwehr an den Wohnort statt zum Ferienhaus fahren. "Denn die Feuerwehr weiss ja nicht, dass ich im Ferienhaus bin", sagte Döös.

Das Problem habe die Swisscom heute so gelöst, dass der Kunde eine Nutzung der Festnetznummer von unterwegs bestätigen müsse. Allerdings kämen bereits heute 80 bis 90% aller Notrufe vom Handy. Um die Erreichbarkeit bei einem Stromunterbruch sicherzustellen, könne man heute schon das Festnetztelefon aufs Handy umstellen. Damit sei man weiterhin erreichbar, falls der Strom ausfalle.

SONDERANWENDUNGEN ALS HERAUSFORDERUNG

Solche Sonderanwendungen wie beispielsweise Lifttelefone, Alarmanlagen oder Haustechnikgeräte seien eine grosse Herausforderung, gestand Döös ein: "Wir gehen davon aus, dass es 100'000 Liftanlagen mit Telefon, 100'000 Alarmanlagen und 100'000 sonstige Sonderanwendungen gibt. Das sind gut 10% aller Festnetzanschlüsse." Allerdings seien für alle solche Fälle bereits heute Lösungen vorhanden.

Die Swisscom sei in engem Kontakt mit den Liftherstellern. Tendenziell würden heute immer mehr Mobilfunktelefone in Lifte eingebaut. Man könne aber auch eine Kombination von Festnetz- und Mobilfunktechnologie in Liften verwenden, sagte Döös. Die meisten Handyantennen seien mit Batterien ausgestattet, so dass das Mobilfunknetz bei einem Stromausfall noch eine Stunde funktioniere.

Auch die Notrufzentralen des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) müssen ihre Technologie umstellen. Das SRK bietet etwa Armbänder mit Alarmtasten an. Man sei mit dem SRK in Gesprächen, sagte Döös der Nachrichtenagentur sda. Für die Kunden solcher Armbänder ändere sich nichts.

ENDLICH EINE SPAMLISTE

Das Telefonieren mit der Internettechnologie habe aber auch eine Reihe von Vorteilen, sagte Döös. So könne die Festnetznummer von unterwegs aus beispielsweise mit dem Handy genutzt werden. Und die Sprachqualität sei besser. Zudem erscheint im Display nicht mehr nur die Nummer des Anrufers, sondern sein voller Name, sofern der Anrufer diesen nicht hat sperren lassen.

Ebenfalls kann der Kunde eine individuelle Sperrliste mit Nummern von lästigen Anrufern einrichten. Zusätzlich biete die Swisscom ab Ende Jahr einen Spamfilter, der unerwünschte Werbeanrufe verhindere, sagte Döös. Dieser Filter basiere auf einer dynamischen schwarzen Liste, die selbstlernend sei.

Auch Sunrise evaluiere mögliche Lösungen gegen unerwünschte Werbeanrufe, sagte Sprecher Roger Schaller. Diese sollen in rund einem Jahr eingeführt werden. Beim Kabelnetzbetreiber UPC sagte eine Sprecherin: "Wir arbeiten an einer Möglichkeit, um unerwünschte Anrufe zu unterdrücken."

(AWP)