Börsenfusion zwischen Frankfurt und London vor dem Aus

(Ausführliche Fassung) - Der Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange (LSE) steht vor dem Aus. Hintergrund ist die Weigerung des Londoner Börsenbetreibers, den Mehrheitsanteil an der italienischen Anleihen-Handelsplattform MTS zu veräussern. Diesen Schritt verlangen jedoch die Wettbewerbshüter der EU-Kommission. Bis zum Mittag hätte die LSE einen Verkaufsvorschlag unterbreiten müssen. "Angesichts der bisherigen Haltung der Kommission geht die London Stock Exchange Group nicht davon aus, dass die Kommission die Fusion genehmigen wird", erklärten die Londoner nun in der Nacht auf Montag.
27.02.2017 08:49

Die Deutsche Börse und die LSE wollen den grössten europäischen Börsenbetreiber schmieden. Die EU-Kommission hatte Ende September eine vertiefte Prüfung des geplanten Zusammenschlusses eingeleitet. Die Wettbewerbshüter haben unter anderem die Sorge, dass durch die Zusammenlegung der Clearinghäuser der beteiligten Unternehmen etwa bei Anleihegeschäften der Wettbewerb ausgeschaltet werden könnte. Die Clearingstellen sind zwischen den Vertragsparteien einer Transaktion angesiedelt und übernehmen das gegenseitige Ausfallrisiko.

LSE FÜRCHTET VERTRAUENSVERLUST

Die London Stock Exchange begründete ihre ablehnende Haltung zu einem Verkauf der Italien-Tochter in erster Linie damit, dass das für ihre Geschäft wichtige Vertrauensverhältnis zwischen dem Börsenbetreiber und den italienischen Aufsichtsbehörden leiden könnte. MTS spiele eine wichtige Rolle beim Handel mit italienischen Staatsanleihen, führte die LSE aus. "Auch wenn MTS selbst nicht in grossem Masse zum Konzernumsatz beiträgt, so kommt aus dem gesamten Italien-Geschäft ein bedeutender Teil von Umsatz und Gewinn der LSE-Gruppe." Zudem rechnen die Londoner nach eigener Aussage mit einem komplizierten Verkaufsverfahren, bei dem auch die Behörden in Grossbritannien, Belgien, Frankreich und den USA eingebunden werden müssten. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Verkauf von MTS in zufriedenstellendem Masse erreicht werden kann", lautete das Fazit der Londoner Börse.

"Die Parteien sehen der weiteren Prüfung der Europäischen Kommission entgegen", teilte die Deutsche Börse mit. Eine Entscheidung werde bis Ende März erwartet. Bis Ende Juni sollte der Zusammenschluss eigentlich komplett abgeschlossen sein. Doch in den vergangenen Wochen und Monaten wurden die Zweifel immer grösser: Neben der EU-Kommission muss auch die Hessische Börsenaufsicht dem Deal zustimmen. Für Kritik sorgt am Finanzplatz Frankfurt vor allem, dass die beiden Konzerne London als rechtlichen Sitz der Dachgesellschaft ausgewählt haben. Bei einem EU-Austritt der Briten wäre damit der Sitz ausserhalb der Europäischen Union.

ERMITTLUNGEN GEGEN BÖRSENCHEF

Überschattet wird das Fusionsvorhaben zudem von Ermittlungen gegen Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter wegen des Verdachts auf Insiderhandel. Der Manager hatte am 14. Dezember 2015 im Rahmen eines Vergütungsprogramms Deutsche-Börse-Anteile im Wert von 4,5 Millionen Euro gekauft. Zehn Wochen später, am 23. Februar 2016, machten die Unternehmen ihre Fusionsgespräche öffentlich. Die Aktienkurse beider Unternehmen stiegen in der Folge deutlich. Kengeter hatte die Vorwürfe zurückgewiesen und der Aufsichtsrat hatte sich geschlossen hinter ihn gestellt.

Die neuen Probleme rund um die italienische Anleihen-Plattform MTS scheinen aktuell aber die schwerste Bürde für eine Fusion. Anleger zogen sich am Morgen aus den Aktien des Börsenbetreibers zurück: Der Kurs der Deutschen Börse fiel vorbörslich auf der Handelsplattform Tradegate gegenüber dem Xetra-Schluss um 6 Prozent./das/ben/stk

(AWP)