Chinesische Investoren auf Einkaufstour in Europa - Grösster Deal in der Schweiz

Zürich (awp/sda) - Chinesische Investoren sind auf Shoppingtour in Europa: Im ersten Halbjahr haben sie so viele Firmen auf dem "Alten Kontinent" gekauft wie noch nie. Der grösste Deal findet in der Schweiz statt.
14.07.2016 12:45

Für die noch nicht abgeschlossene Übernahme des Basler Agrochemiekonzerns Syngenta will der chinesische Staatskonzern China National Chemical Corporation, kurz ChemChina, umgerechnet 44,2 Mrd USD auf den Tisch legen.

Das ist mit weitem Abstand die grösste Übernahme eines europäischen Konzerns durch chinesische Investoren, wie aus einer Studie des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens EY hervorgeht, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Allerdings hängt der Übernahmeprozess derzeit noch bei den US-Behörden fest, die ein Veto einlegen könnten.

Auf Platz fünf der grössten Transaktionen liegt der Kauf des Schweizer Flugzeug-Mahlzeitenlieferanten Gategroup durch den chinesischen Mischkonzern HNA. Hier beläuft sich die Kaufsumme auf 1,5 Mrd USD. Damit summiert sich die Preisliste chinesischer Firmenkäufe in der Schweiz auf 45,8 Mrd USD im ersten Halbjahr.

Zum Vergleich: Im Gesamtjahr 2015 gaben die Investoren aus dem Reich der Mitte für Schweizer Firmen lediglich 4 Mrd USD aus. Im bisherigen Spitzenjahr 2009 waren es 7,2 Mrd USD gewesen. Insgesamt bekamen im ersten Halbjahr 2016 neun Schweizer Firmen chinesische Besitzer. Dies sind so viele wie in den beiden vorhergehenden Jahren 2014 und 2015 zusammen.

NEUER REKORD IN SICHT

In ganz Europa kamen von Januar bis Ende Juni 164 Unternehmen in die Hände chinesischer Eigentümer. Damit dürfte der bisherige Ganzjahresrekord aus dem Jahr 2015 in diesem Jahr deutlich übertroffen werden, schrieb EY: Im vergangenen Jahr investierten Chinesen in 183 Unternehmen in Europa, davon 6 in der Schweiz.

"Chinesische Unternehmen blicken auf ihrer Suche nach Akquisitionen bereits seit geraumer Zeit intensiv auf Europa und auch auf die Schweiz", erklärte EY-Spezialist Ronald Sauser.

Derzeit kämen noch zwei Entwicklungen hinzu, die das Interesse und die Summen sprunghaft ansteigen liessen: "In Europa wollen sich derzeit viele Private-Equity-Gesellschaften von Beteiligungen trennen und stossen bei chinesischen Investoren auf grosses Interesse. Denn diese suchen wiederum verstärkt nach Übernahmezielen in anderen Ländern, da das Wachstum auf dem Heimatmarkt nachlässt", erklärte Sauser.

Mit dem verlangsamten Wachstum auf dem Heimatmarkt sähen sich die chinesischen Unternehmen gezwungen, neue Geschäftsfelder aufzubauen und sich von der Massenproduktion in Richtung Spezialisierung und Hochtechnologie zu bewegen, urteilte Yi Sun, Partnerin bei EY Deutschland: "Der kürzeste Weg dahin besteht in Akquisitionen ausländischer Marktführer."

Auf der anderen Seite würden zurzeit viele chinesische, lokale Private-Equity-Gesellschaften für ihre Portfolio-Unternehmen passende Übernahmeziele in Europa suchen - mit dem Ziel, eine überzeugende Wachstumsstory für einen späteren Börsengang in Hongkong bieten zu können. Auch diese Entwicklung führe zu mehr Abschlüssen in Europa, erklärte Yi Sun.

KEINE ANGST VOR JOBABBAU

Anders als vielfach befürchtet sei das Engagement der Chinesen in der Schweiz aber keine Einbahnstrasse und nicht ausschliesslich zum Vorteil des Käufers, betonte Sauser. "Die meisten chinesischen Investoren verfolgen einen langfristigen und strategischen Ansatz, bei dem sowohl Käufer wie auch das übernommene Unternehmen profitieren können."

Ein Know-how-Abfluss aus der Schweiz sei unwahrscheinlich, da Standortverlagerungen für die hiesigen Produkte und Dienstleistungen meist schwierig umzusetzen seien aufgrund der komplexen Produktions-, Logistik-, Management-, und IT-Prozesse. Zusätzlich brauche man hochqualifizierte Mitarbeitende, die in der Anzahl in China momentan nicht vorhanden seien.

Auch der Abbau von Arbeitsplätzen sei unwahrscheinlich: "Vielfach bauen die Investoren zusätzlich zum Schweizer Markt die Produktionskapazitäten in China aus. Von Insolvenz bedrohte Unternehmen können die Arbeitsplätze sogar durch Investitionen aus China retten", erklärte Sauser.

(AWP)