Daimler-Aktionäre treiben Diesel-Sorgen um

(Ausführliche Fassung) - Die Frage nach möglichen Manipulationen bei Daimlers Dieselfahrzeugen beschäftigt die Aktionäre des Autobauers. "Können Sie Entwarnung geben, dass wir nicht ein Volkswagen 2.0 werden?", sagte Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Anspielung auf den Abgasskandal bei der Wolfsburger Konkurrenz . Aufsichtsratschef Manfred Bischoff versuchte am Mittwoch bei der Hauptversammlung in Berlin zu beschwichtigen: Der Aufsichtsrat habe sich regelmässig mit Reputationsrisiken befasst, das beinhalte auch die Motorentechnologie - "im Schwerpunkt die Dieseltechnologie".
29.03.2017 12:40

Bislang schlagen sich die jüngsten Negativschlagzeilen über Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen des Verdachts auf Abgasmanipulationen bei Dieselautos nicht in Verkaufszahlen nieder. Das Unternehmen erwartet für die Monate Januar bis März den höchsten jemals in einem Quartal erreichten Absatz.

Daimlers Entwicklungsvorstand Ola Källenius hatte am Vortag vor Journalisten betont, man sehe in den Verkaufszahlen bislang keine Veränderung bei der Dieselquote. Dennoch macht Daimler bei der Entwicklung seiner Elektromarke EQ Tempo: 2019 sollen die ersten Fahrzeuge kommen. Drei Jahre früher als ursprünglich - bis 2022 - plant der Hersteller nun zehn neue Elektromodelle. Denn bis 2025 soll der Anteil von Elektroautos bei 15 bis 25 Prozent liegen.

Dabei haben die Autobauer die Verkaufsstütze durch Elektroautos nach Einschätzung von Experten bitter nötig. Ferdinand Dudenhöffer vom Duisburger CAR Institute erwartet, dass sich vor allem Firmenkunden vom Diesel abkehren, wenn Negativmeldungen anhalten. "Denn keine Firma will wegen seiner umweltbelastenden Fahrzeugflotte am Pranger stehen", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Auch Daimler kann sich diesen Schlagzeilen nicht mehr entziehen. Nach einer von der US-Justiz angestossenen Untersuchung wurden vergangene Woche Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft gegen Daimler-Mitarbeiter im Zusammenhang mit Abgasmanipulationen bei Dieselfahrzeugen bekannt. Daimler betont, sich an geltendes Recht zu halten.

Einige Aktionäre ziehen das offenbar in Zweifel: Der Stuttgarter Friedens- und Öko-Aktivist Paul Russmann rief für die Kritischen Aktionäre in einem Gegenantrag dazu auf, Vorstand und Aufsichtsrat wegen angeblich zu hoher Abgaswerte selbst bei den neuesten Dieseln nicht zu entlasten.

Üblicherweise haben die kleinen Aktionärsvereinigungen aber zu wenig Gewicht, um die Entlastung wirklich infrage zu stellen. Schwergewichtigere institutionelle Investoren wie Union Investment dagegen wollen den Vorstand entlasten - fordern aber: "Mit der Entlastung verbinden wir jedoch die dringende Forderung, Licht ins Dunkel des Lkw-Kartells zu bringen sowie offen und transparent bei "Emissionsthemen" zu berichten", sagte Fondsmanager Ingo Speich.

Auch der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) stiess unterdessen das Lkw-Kartell auf, das die EU aufgedeckt hatte und an dem Daimler beteiligt war. Die DSW kritisiert, dass der Aufsichtsrat keine Schadenersatzforderungen an Manager und Vorstände geltend gemacht hatte. Daimler-Chef Dieter Zetsche selbst verantwortete von 1999 bis 2000 im Vorstand das Lkw-Geschäft.

Der Aufsichtsrat habe schon 2011 eine unabhängige Anwaltskanzlei mit der Prüfung beauftragt, ob Vorstände verantwortlich gemacht werden könnten, sagte Aufsichtsratschef Manfred Bischoff, und "gegenwärtig von der Geltendmachung von Schadenersatz" abgesehen. "Eine abschliessende Entscheidung ist damit nicht getroffen."

Im Tagesgeschäft mit den schweren Lkw bleibt das Umfeld für Daimler erst einmal schwierig. Im wichtigen Markt Nordamerika ging der Absatz im bisherigen Jahresverlauf zurück, in Europa verkauften die Schwaben in etwa so viele Laster wie vor einem Jahr. Der Lkw-Weltmarktführer rechnet daher im ersten Quartal mit einem Absatzrückgang. Mit einem stärkeren zweiten Halbjahr wollen die Stuttgarter insgesamt aber weiter das Niveau des Vorjahres erreichen.

Im vergangenen Jahr hatte Daimler Trucks zweimal Abstriche bei der Prognose machen müssen. Der ehemalige Spartenchef Wolfgang Bernhard verliess den Dax-Konzern Anfang Februar, seinen Posten bekleidet nun der bisherige Nordamerika-Spartenchef Martin Daum.

Mehrere Aktionärsvertreter kritisierten die nicht erhöhte Dividende des Autobauers. Mit 3,25 Euro je Aktie und damit insgesamt knapp 3,5 Milliarden Euro schütte Daimler mehr aus als jedes andere börsennotierte deutsche Unternehmen, sagte Finanzvorstand Bodo Uebber. Weiter orientiere sich das Unternehmen bei der Ausschüttungsquote an 40 Prozent des Konzerngewinns./ang/DP/men/tos

(AWP)