Daimler-Vorstand hält Elektroantriebe im Stadtverkehr für realistisch

(Ausführliche Fassung)
20.09.2016 18:15

HANNOVER (awp international) - Daimler-Vorstand Wolfgang Bernhard sieht einen Markt für Nutzfahrzeuge mit Elektroantrieb im Stadtverkehr in nicht allzu ferner Zukunft. "Wir kommen in ein Fenster, in dem wir ernsthaft über Elektroantriebe für leichte und schwere Nutzfahrzeuge im Stadtverkehr nachdenken können", sagte der Chef des Nutzfahrzeuggeschäfts der Deutschen Presse-Agentur vor der Messe IAA in Hannover. "Der Markt ist dabei, sich auszurichten. Wenn Städte und Gemeinden den Verkehr von Dieselfahrzeugen begrenzen wollen, lässt sich das auch ohne Plakette regeln."

Das Bundesumweltministerium hatte die so genannte blaue Plakette zuletzt auf Eis gelegt. Trotzdem denken einige deutsche Grossstädte laut über Dieselverbote nach.

Die Technologie für Elektromotoren sei inzwischen so weit, sagte Bernhard: "Zellpreise und Leistung der Batterien kommen ab 2020 an einen Punkt, an dem sich die Technologie lohnt." Zwischenschritte wie beim Pkw brauche es hier eigentlich nicht. "Denn die Lastwagen-Segmente sind sehr klar in Kurz- und Langstrecke getrennt."

Auf der IAA in Hannover stellt Daimler mehr oder weniger serienreife Nutzfahrzeuge mit Elektromotor aus, die für den Stadtverkehr gedacht sind. So wird der Kleinlaster Fuso Canter mit Elektromotor in Kleinserie gefertigt. Die Entwicklung liess sich die Marke Fuso bislang 40 Millionen Euro kosten.

Im Juli hatte Daimler auch einen 26 Tonnen schweren E-Lastwagen mit 200 Kilometern Reichweite gezeigt. "Wir kommen annähernd an die gleiche Nutzlast wie bei vergleichbaren Dieselfahrzeugen", sagte Bernhard. Beim 26-Tonner wiegt die Batterie nur noch 2,5 Tonnen. Doch sie kostet: Beim Preis können die schweren Lastwagen mit Elektroantrieb noch nicht mit dem Diesel mithalten. Erst Anfang des kommenden Jahrzehnts sei auch die Markteinführung des schweren Lastwagen mit E-Antrieb vorstellbar.

Ein Van mit Elektroantrieb soll unterdessen schon in zwei Jahren in Serie gehen, wie der Konzern am Dienstag ankündigte. Das genaue Modell liess Daimler offen. 2011 hatte der Konzern seinen Vito mit Elektroantrieb angeboten, das Projekt mangels Nachfrage aber wieder eingestellt. Erst vor zwei Wochen hatte Van-Chef Volker Mornhinweg ein "Show Car" mit Elektroantrieb auf Basis des Sprinter vorgeführt. 2018 sollen ausserdem vollelektrische Stadtbusse soweit sein.

Der Bedarf ist offenbar da: Die Deutsche Post hat einen eigenen Transporter mit Elektroantrieb entworfen, den der Konzern von einem Start-up in Aachen bauen lässt. Auch der Daimler-Konkurrent MAN will in Hannover neue Konzepte zur Elektromobilität bei vorstellen. Der französische Lkw-Bauer Renault Trucks, der zur Volvo -Gruppe gehört, hat bereits ein 16 Tonnen schweres Versuchsfahrzeug an den französischen Kosmetikkonzern Guerlain geliefert. Die französische Post testet ein kleineres Brennstoffzellen-Fahrzeug von Renault.

Im Fernverkehr hingegen setzen die Lastwagenbauer vor allem auf spritsparende Massnahmen. Klassische Fahrerassistenzsysteme sollen dazu beitragen, aber auch das sogenannte Platooning (englisch für "Kolonne fahren"). Dabei fahren mehrere miteinander vernetzte Lastwagen in einer Kolonne. Durch geringere Abstände nutzen sie unter anderem den Windschatten aus, fahren aber auch vorausschauender.

Der Daimler-Vorstand sieht neben rechtlichen Hindernissen aber zunächst einmal die Lastwagenbauer selbst in der Pflicht: "Beim Thema Platooning müssen erst einmal die Hersteller miteinander sprechen, um sich auf eine einheitliche Sprache zwischen den Fahrzeugen einigen."/ang/DP/stw

(AWP)