Deutsche Industrie erhält mehr Aufträge - Experten dämpfen Optimismus

(Ausführliche Fassung)
06.10.2016 09:52

WIESBADEN (awp international) - Dank einer hohen Nachfrage aus dem Inland und der Eurozone hat die deutsche Industrie einen überraschend starken Zuwachs bei den neu eingegangenen Bestellungen verzeichnet. Wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte, gingen im August 1,0 Prozent mehr Aufträge ein als im Juli. Analysten hatten im Mittel lediglich einen Zuwachs um 0,3 Prozent erwartet. Zudem wurde der Anstieg vom Vormonat Juli von 0,2 auf 0,3 Prozent nach oben revidiert. Einige Experten warnen dennoch vor zu viel Optimismus.

Im Vergleich zum Vorjahresmonat legten die Auftragseingänge im August um 2,1 Prozent zu. Experten hatten lediglich mit 1,6 Prozent gerechnet. Der Rückgang vom Juli fiel im Vorjahresvergleich zudem mit 0,6 statt 0,7 Prozent etwas schwächer als zunächst geschätzt aus.

Ralph Solveen, Experte bei der Commerzbank, sieht in den Zahlen dennoch keinen Grund für Euphorie. Der Trend in der Industrie zeige weiter eher nach unten als nach oben. Die Aussagekraft der Zahlen sei durch verschobene Werksferien insbesondere bei den Autobauern eingeschränkt. In der Autoindustrie haben die Bestellungen demnach im August um 4,3 Prozent zugelegt, nachdem sie im Juli in ähnlicher Grössenordnung gefallen waren. "Vor diesem Hintergrund ist für den September eher wieder mit schlechteren Zahlen zu rechnen", meint Solveen. "Von der Industrie wird in den kommenden Monaten kaum ein Wachstumsimpuls kommen."

Für Christian Lips, Analyst bei der Landesbank NordLB, ist es angesichts üblicherweise hoher Schwankungen bei den Zahlen zu den Aufträgen derzeit noch zu früh, eine generelle Trendwende auszurufen. Ähnlich sieht es Carsten Brzeski, Chefökonom der Bank ING-Diba. Wenn es nicht eine ganze Serie ähnlicher Daten in den kommenden Monaten gebe, werde es die deutsche Industrie schwer haben, sich aufzurappeln.

Doch nicht alle Experten sehen das Glas halb leer. Deutlich positiver interpretieren Analysten der VP Bank die Zahlen: "Das Plus fällt richtig satt aus." Die Industrie scheine nach der Durststrecke im ersten Halbjahr so etwas wie Morgenluft zu schnuppern. Die jüngsten Prognoseverbesserungen für das deutsche Wachstum könnten demnach "immer noch einen Hauch zu konservativ" sein.

Gestützt wurde das Gesamtergebnis im August durch eine starke Nachfrage aus dem Inland, die um 2,6 Prozent zulegte. Dagegen kamen aus dem Ausland 0,2 Prozent weniger Aufträge. Allerdings war das Bild nach Regionen betrachtet gespalten: Während die Aufträge aus der Eurozone kräftig um 4,1 Prozent zulegten, gingen die Bestellungen aus dem Rest der Welt um 2,8 Prozent zurück.

Der Rückgang der Aufträge aus den Nicht-Euro-Ländern könnte wegen der Verunsicherung über die wirtschaftlichen Folgen des Brexit-Votums durch eine schwächere Nachfrage aus Grossbritannien getrieben sein, kommentierte Johannes Mayr, Experte bei der Bayerischen Landesbank. "Auch könnte die US-Nachfrage temporär schwächer ausgefallen sein. Darauf deutet die kurzfristige Eintrübung wichtiger US-Indikatoren im August hin."

Nach Produktkategorien betrachtet legten die Aufträge durch die Bank zu. Besonders stark war der Zuwachs bei den Konsumgütern. Die Dynamik bei den Investitionen war dagegen eher schwach./tos/bgf/stb

(AWP)