EY sagt den Schweizer Versicherern radikalen Umbruch voraus

(Ausführliche Fassung)
16.06.2016 14:00

Zürich (awp/sda) - Dem Schweizer Versicherungsmarkt steht eine markante Umwälzung bevor. So könnten gemäss einer Studie des Beratungsunternehmens EY aufgrund der zunehmenden Digitalisierung und neuer Konkurrenz bis 2030 bis zu 70% der Schweizer Versicherer verschwunden sein.

Zurzeit gibt es noch 161 Schweizer Versicherungsunternehmen. Das dürfte laut einer Studie von EY jedoch nicht so bleiben. Bis in vierzehn Jahren werden davon höchstwahrscheinlich 45% verschwunden sein, heisst es in der Studie. Sollten sich die Marktveränderungen sogar beschleunigen, dürfte die Verdrängungsquote sogar auf bis zu 70% ansteigen.

EY zieht diesen Schluss aufgrund einer Gegenüberstellung von möglichem Marktwachstum und Marktrisiken. Beim Wachstum geht das Beratungsunternehmen von einer künftigen Stagnation des Schweizer Versicherungsmarktes aus. So gelten die Schweizerinnen und Schweizer bereits heute als überversichert. "Auch Schweizer Konsumenten werden in Zukunft vermehrt versuchen, ihre Ausgaben für Versicherungen zu optimieren", sagte dazu EY-Versicherungsspezialistin Yamin Gröninger an einer Telefonkonferenz am Donnerstag.

Dazu komme, dass aufgrund der Einwanderungsinitiative, der gesunkenen Haushaltsvermögen und des geringen Wirtschaftswachstums auch das gesamte Volumen in der Schweiz künftig kaum mehr wachsen werde. "Der Schweizer Versicherungsmarkt verwandelt sich in einen roten Ozean", sagte Gröninger. Der Begriff steht für gesättigte Märkte, in dem blutige Kämpfe um Marktanteile ausgefochten werden.

ZU OPTIMISTISCHE VERSICHERER

Die Versicherer blenden dies gemäss Gröninger jedoch noch aus. "Viele stecken den Kopf in den Sand." Das erkläre auch, warum sich die meisten Schweizer Versicherer überhöhte Wachstumsziele steckten. So wollen sie im Durchschnitt um jährlich 5 Prozent zulegen, während EY dem Gesamtmarkt eine Stagnation voraussagt.

Allein schon im Fall, dass sich diese Prognose bewahrheitet, wird es auf dem Schweizer Versicherungsmarkt zu einem Verdrängungskampf kommen. Das "Rot im Ozean" wird jedoch noch deutlich intensiver werden, sollte die zweite Voraussage von EY eintreffen, dass es auch noch zusätzliche Konkurrenz geben wird.

Gemäss dem Beratungsunternehmen ist nämlich absehbar, dass sowohl Onlineversicherungs-Firmen wie auch Grosskonzerne wie die US-Detailhandelskette Walmart, der deutsche Autobauer VW oder das chinesische Online-Konzern Alibaba neu auf den Schweizer Versicherungsmarkt drängen werden. Gerade diese multinationalen Unternehmen stellten eine wirklich grosse Gefahr für die bereits ansässigen Versicherer dar, sagte Gröninger.

NOKIA ALS WARNUNG

Sie verweist dabei auf den markanten Wandel, der den Markt der Mobiltelefonhersteller erfasst hat. So beherrschten im Jahr 2000 noch Nokia, Motorola und Ericsson den globalen Mobiltelefon-Markt. Sechzehn Jahre und die Smartphone-Revolution von Apple später sind sie nur noch ein Schatten ihrer selbst; alle drei wurden trotz ihrer früheren herausragenden Stellung verdrängt.

Das Beispiel sollte laut Gröninger ein Weckruf für die Versicherungsindustrie sein. "Die Versicherer müssen jetzt, wo sie noch Zeit und finanziellen Spielraum haben, energisch handeln", sagte sie. Mögliche Lösungen sieht die Versicherungsexpertin unter anderem darin, dass die Versicherer sich entweder nach Partnern umsehen oder sich zum Innovationsleader entwickeln, der sich im verstärkten Konkurrenzkampf behaupten kann.

Für einen Schweizer Versicherer gebe es dabei im Prinzip nur drei Varianten, wie die Zukunft aussehen könne, sagte Gröninger. Entweder er blühe im roten Ozean auf, er überlebe das Gemetzel oder er gehe unter.

(AWP)