Fehlende Crews zwingen immer mehr Tuifly-Jets an den Boden

(Ausführliche Fassung)
06.10.2016 16:42

HANNOVER/BERLIN (awp international) - Bei den Fluggesellschaften Tuifly und Air Berlin hat sich die Lage zum Wochenende weiter zugespitzt. Wie schon an den Vortagen meldeten sich am Donnerstag zahlreiche Crew-Mitglieder bei Tuifly kurzfristig krank und schränkten damit den Flugbetrieb weiter ein. Von 110 vorgesehenen Flügen mussten 47 Flüge ersatzlos gestrichen werden, wie die Airline in Hannover mitteilte. Tausende Passagiere mussten auf ihre Verbindungen warten oder ihre Urlaubsreisen zu den Herbstferien gleich ganz abblasen.

Auch die kriselnde Air Berlin war betroffen. Tuifly habe am Donnerstag für Air Berlin keinen einzigen der geplanten 90 Flüge durchgeführt, sagte Air-Berlin-Sprecher Uwe Kattwinkel der Deutschen Presse-Agentur. Mit Hilfe anderer Crews habe Air Berlin 30 dieser 90 Flüge anbieten können, so dass letztlich 60 Flüge ausgefallen seien. Kattwinkel sprach von einer "schwierigen, dramatischen Situation vor allem für unsere Fluggäste".

Die Flugleitung der Tuifly versuchte gegenzuhalten und charterte nach eigenen Angaben 18 zusätzliche Flugzeuge von anderen Gesellschaften. Air Berlin schloss mit den Gewerkschaften Verdi und Vereinigung Cockpit sowie dem Gesamtbetriebsrat eine Krisenvereinbarung, in der Piloten, Flugbegleiter und Bodenpersonal bis einschliesslich Sonntag zu freiwilligen Einsätzen aufgerufen werden.

Als Hintergrund werden der tiefgreifende Umbau der hochverschuldeten Air Berlin und damit einhergehende Veränderungen bei der Tuifly gesehen. Die deutsche Fluggesellschaft des Touristikkonzern Tui soll gemeinsam mit Air-Berlin-Teilen in eine neue Dachgesellschaft für Ferienflieger integriert werden. Arbeitnehmervertreter fürchten Job-Verluste und schlechtere Tarifbedingungen.

Ihre Gäste will die Tuifly nicht entschädigen und beruft sich auf höhere Gewalt, die für die Ausfälle und Verspätungen verantwortlich sei. "Entschädigungs- beziehungsweise Schadensersatzansprüche der Kunden entstehen daraus nicht", teilte Tui Deutschland in Hannover mit. Eine Sprecherin betonte: "Die massenhaften und äusserst kurzfristigen Krankmeldungen sind ein aussergewöhnlicher und nicht vermeidbarer Umstand im Sinne von höherer Gewalt."

Ganz anders sieht das Philipp Kadelbach vom Flugrechtsportal Flightright. Tuifly könne sich nicht auf höhere Gewalt berufen. Krankheitswellen zählten zu den normalen Betriebsrisiken, die Airlines zu jeder Zeit einkalkulieren müssten. Dies gelte auch bei Zweifeln, ob tatsächlich eine Krankheit vorliege. Er empfehle allen betroffenen Passagieren, ihre Entschädigungsansprüche geltend zu machen.

Die Unternehmen haben nach Einschätzung des Berliner Arbeitsrechtlers Robert von Steinau-Steinrück kaum Möglichkeiten, die Krankmeldungen der Beschäftigten zu hinterfragen oder ihnen gar einen "wilden Streik" zu unterstellen. Es sei sehr schwierig zu beweisen, dass die Beschäftigten die Krankheit nur vortäuschten. Ärztliche Atteste hätten eine hohe Beweiskraft. Falsche Krankmeldungen erfüllen dem Fachanwalt zufolge allerdings den Straftatbestand des Betruges.

Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo lehnte jegliche Verantwortung für die massenhaften Krankmeldungen ab. "Das ist definitiv kein Mittel zum Arbeitskampf für uns", sagte Tarifexperte Nicoley Baublies. Man rufe dazu nicht auf und distanziere sich klar von einem Missbrauch.

Die Lufthansa-Tochter Eurowings wies Informationen von Ufo zurück, dass sich auch bei ihr der Krankenstand verdoppelt habe. Nach einigen Krankheitsfällen am Wochenende habe man den eigenen Flugplan "sehr sauber" abgeflogen, sagte ein Sprecher. Ab der kommenden Woche will die Ufo bei der Eurowings Warnstreiks organisieren, die sich laut Baublies auch auf die Schwester Germanwings erstrecken könnten. Ein Eurowings-Sprecher zeigte sich hingegen zuversichtlich, dass man auf der Basis eines verbesserten Angebots schnell wieder in Verhandlungen einsteigen könne./ceb/rek/brd/stw/DP/stw

(AWP)