Fusion mit Praxair: Debatte über Reitzles Kurs im Linde-Aufsichtsrat

(Ausführliche Fassung) - Vor der bevorstehenden Entscheidung über die Fusion von Linde mit dem US-Gasehersteller Praxair hat die IG Metall Wolfgang Reitzle als Aufsichtsratschef in Frage gestellt. Reitzle will den Zusammenschluss im Kontrollgremium gegen den Widerstand der Betriebsräte und Gewerkschaften durchsetzen. Der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler sagte am Donnerstag: "Mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, ist das Gegenteil von Mitbestimmung." Wenn Reitzle das nicht wisse, "stellt sich die Frage, ob er der Richtige für Linde ist".
06.04.2017 17:04

Reitzles Ankündigung, bei geschlossener Ablehnung der Arbeitnehmerseite von seinem doppelten Stimmrecht als Aufsichtsratschef Gebrauch zu machen, sorgte bei einer Sitzung des Gremiums am Donnerstag für eine kontroverse und hitzige Debatte. Kapitalvertreter und Arbeitnehmervertreter hätten sich jeweils geschlossen gegenübergestanden und gegenseitige Vorwürfe gemacht, hiess es aus informierten Kreisen.

Auf der Sitzung wurde auch ein mögliches Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen Reitzle wegen Insiderverdachts thematisiert. Juristen erwarteten aber keine grossen Folgen, hiess es.

Reitzle hatte zwei Monate vor Bekanntgabe der Fusionsgespräche für eine halbe Million Euro Linde-Aktien gekauft. Die Finanzmarktaufsicht Bafin hatte mögliche Anhaltspunkte auf Insidergeschäfte geprüft und ihren Bericht an die Staatsanwaltschaft München geschickt. Diese prüft nun, "ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht". Reitzle "hat null verheimlicht, er hat es der Bafin gemeldet. Zudem sind die Fusionsverhandlungen im ersten Anlauf gescheitert", sagte Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl am Donnerstag.

Im Mittelpunkt der vierstündigen Aufsichtsratssitzung standen die weit fortgeschrittenen Fusionsverhandlungen. Mit dem Zusammenschluss von Linde und Praxair würde der grösste Industriegasekonzern der Welt entstehen, mit 28 Milliarden Euro Umsatz, rund 60 Milliarden Euro Börsenwert und 80 000 Mitarbeitern.

Die Vorstände erwarten aus der Fusion Synergien von einer Milliarde Euro jährlich. Die Linde-Betriebsräte und Gewerkschaften befürchten aber einen massiven Stellenabbau. Der neue Konzern würde von Praxair-Chef Steve Angel aus den USA heraus geleitet, und weil die Holding in Dublin angesiedelt werden soll, fällt die Mitbestimmung weg. Reitzle soll Aufsichtsratschef des neuen Konzerns werden.

Über die Fusion soll der Linde-Aufsichtsrat in den nächsten Wochen entscheiden, noch vor der Linde-Hauptversammlung am 10. Mai. Wechsler sagte, Reitzles "Ankündigung, das doppelte Stimmrecht zu ziehen, ist sehr befremdlich und besorgniserregend". Gescheiterte Fusionen zeigten, dass die Beschäftigten von kulturell sehr unterschiedlichen Unternehmen voll mitziehen müssten. "Dies ist bei Linde nicht gegeben."

Die Wirtschaftsministerien im Bund und in Bayern hatten dazu aufgefordert, den Zusammenschluss nicht gegen die Arbeitnehmer durchzusetzen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die sehr erfahrenen und verdienten Kapitalvertreter im Aufsichtsrat in einer solchen Situation vor den Karren von Herrn Reitzle spannen lassen", sagte Wechsler.

Das US-Analysehaus Bernstein Research bezifferte die Wahrscheinlichkeit einer Fusion in einer Branchenstudie vom Donnerstag auf 50 Prozent./rol/DP/tos

(AWP)