Gewerkschaften schrauben in Lohnrunde 2017 Anspruch auf mehr Lohn zurück

(Nach Medienkonferenz ausgebaut)
19.12.2016 15:33

Bern (awp/sda) - Die Gewerkschaften ziehen bei den Lohnverhandlungen ein positiveres Fazit als im vergangenen Jahr. Das liegt aber weniger an den erzielten Verbesserungen, als am gesunkenen Anspruch.

Es ist ein rhetorischer Balanceakt, wenn die Arbeitnehmervertreter Ende Jahr jeweils vor die Medien treten, um ihre Einschätzung zu den ausgehandelten Löhnen für das kommende Jahr abzugeben.

Ganz zufrieden dürfen sich die Gewerkschafter nicht zeigen, schliesslich gilt es den Druck aufrecht zu halten. Aktuell sind in der Industrie noch viele Lohnverhandlungen im Gang oder beginnen erst Anfang Jahr.

Auch im Baugewerbe laufen noch neun Lohnverhandlungen, darunter jene im Bauhauptgewerbe, wo die Arbeiter die letzten beiden Jahre leer ausgegangen waren. Eine allzu euphorische Zwischenbilanz der Gewerkschaften wäre da strategisch ungeschickt. Auf der anderen Seite soll die Kritik an der Lohnrunde nicht zu scharf ausfallen, sonst würde das eigene Verhandlungstalent in Frage gestellt.

TIEFERE FORDERUNGEN

Dieser Problematik ist sich Syna-Präsident Arno Kerst offenbar bewusst. "Die Gewerkschaften können nicht immer unzufrieden sein mit den Lohnabschlüssen", sagte er am Montag vor den Medien in Bern. Die gesunkenen Ansprüche liessen ein halbwegs zufriedenstellendes Fazit für diesen Lohnherbst zu.

Im vergangenen Jahr - dem Jahr des Frankenschocks - hatten die Forderungen noch in Lohnerhöhungen von bis zu 1,5% bestanden. In diesem Jahr gaben sich die Gewerkschaften mit 1% zufrieden. Herausgekommen ist bei den Verhandlungen mit den Arbeitgebern damals wie heuer das gleiche - effektive Lohnerhöhungen von 0,5 bis 1,0%.

Die gesunkenen Ansprüche reflektieren sich auch in der Rhetorik des Dachverbands Travail.Suisse. Hatte der Verband die Ergebnisse der Verhandlungen im Dezember 2015 noch als "ungenügend" bezeichnet, war es in diesem Jahr "knapp zufriedenstellend".

TEUERUNG FRISST ERHÖHUNG AUF

Zwar waren im vergangenen Jahr Nullrunden noch deutlich stärker verbreitet als 2016. Und auch die Anhebung der Mindestlöhne in der schlecht bezahlten Reinigungsbranche, können die Gewerkschaften als Erfolg verbuchen. Allerdings dürfte die Entwicklung der Teuerung einen Grossteil der Zugeständnisse der Arbeitgeber wieder zunichte machen.

Während die Preise im laufenden Jahr um durchschnittlich 0,4% gesunken sind, werden sie 2017 schätzungsweise wieder um 0,3% anziehen. Daraus ergibt sich eine Differenz von 0,7 Prozentpunkten. Die Teuerung frisst die gewährten Lohnerhöhungen also praktisch wieder auf. Auch die ständig steigenden Krankenkassenprämien, die in der Teuerung nicht enthalten sind, schmälern die Kaufkraft der Angestellten.

KRITIK AM STÄNDERAT

Die grösste Gefahr orten die Gewerkschaften derzeit aber in der Politik. Die vom Ständerat angestrebte Lockerung der Arbeitszeiterfassung ist für sie ein rotes Tuch.

Laut Syna würde die Gesetzesanpassung eine Entkoppelung der geleisteten Arbeit vom Lohn bedeuten. Und weil in der Schweiz jährlich rund 200 Millionen Überstunden geleistet werden, befürchten die Gewerkschaften hier eine weitere Verschlechterung für die Angestellten.

Allerdings gilt es zu bedenken, dass schon heute ein Drittel der Arbeitgeber die Präsenzzeiten ihrer Angestellten nicht erfasst. Flexible Arbeitsmodelle und Heimarbeit sind auf dem Vormarsch, die Entkoppelung ist bereits in vollem Gang. Der Ständerat sieht in einer gesetzlichen Lockerung denn auch primär eine Anpassung an die Realität.

cp/

(AWP)