Gute Konjunktur und weniger Arbeitslose in Deutschland - aber auch Risiken

(Zusammenfassung)
29.09.2016 14:38

BERLIN/NÜRNBERG (awp international) - Deutschland steuert auf Rekordbeschäftigung, ein weiter stabiles Wirtschaftswachstum und Milliarden-Überschüsse in den Staatskassen zu. Dennoch warnen führende Ökonomen vor zunehmenden Risiken für die deutsche Konjunktur und ermahnen die Politik, mehr Vorsorge zu treffen. Nötig seien eine Neuausrichtung der Finanz- und Wirtschaftspolitik sowie weitere Investitionen.

"Die Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre war in erster Linie auf Umverteilung ausgerichtet", heisst es in dem am Donnerstag in Berlin vorgelegten Herbstgutachten. "Zukunftsorientierte Massnahmen wurden vernachlässigt, sind aber dringend erforderlich, steht Deutschland doch vor den besonderen Herausforderungen der Alterung der Bevölkerung und der hohen Zuwanderung."

Es gebe erhebliche Defizite in der Infrastruktur, Bildung und Forschung. Zudem sei die Abgabenbelastung der Arbeitnehmer zu hoch. Die Rentensysteme müssten demografisch wetterfester gemacht werden. Spielraum in den Staatskassen dafür gebe es. Zu den Risiken gehöre auch die weltweit wachsende Skepsis gegenüber der Globalisierung.

Für die nächsten zwei Jahre sagen die Forscher allerdings einen anhaltenden Aufschwung voraus - gestützt von einer stabilen Beschäftigungslage und kräftigem Konsum. 2017 werde die Wirtschaftsleistung um 1,4 Prozent und im Jahr 2018 um 1,6 Prozent zulegen, heisst es in der "Gemeinschaftsdiagnose".

Für das laufende Jahr wurde die Prognose auf 1,9 Prozent angehoben. Aus Sicht der Ökonomen und Banken-Chefvolkswirte bleiben die private Konsumnachfrage sowie die Mehrausgaben des Staates zur Integration von Flüchtlingen "zentrale Stütze für die deutsche Konjunktur".

Die Zahl der Arbeitslosen ist dank des Herbstaufschwungs kräftig gesunken - auf den niedrigsten Stand seit 25 Jahren. Im September waren in Deutschland 2,608 Millionen Erwerbslose registriert, wie die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg mitteilte. Das waren 77 000 Erwerbslose weniger als im August und 100 000 weniger als im Vorjahr. Das ist die niedrigste Stand seit März 1991. Die Arbeitslosenquote sank um 0,2 Punkte auf 5,9 Prozent.

Aus Sicht der Wirtschaftsforscher dürfte die Erwerbslosenquote auch 2017 und 2018 auf ihrem historischen Tief von 6,1 Prozent verharren - trotz der erwarteten steigenden Flüchtlingszahlen auf dem Job-Markt. Die Beschäftigung steige kräftig. Fast eine halbe Million neue Stellen seien zu erwarten, sagen die Institute voraus.

Nach Angaben von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) eröffnen der für 2016 von den Instituten erwartete Überschuss in den Staatskassen von 20 Milliarden Euro sowie die historisch niedrigen Zinsen "Handlungsspielraum, der für kluge Investitionen" genutzt werden müsse. Zur Warnung der Volkswirte vor global zunehmenden Abschottungstendenzen sagte Gabriel, der freie Welthandel müsse so gestaltet werden, "dass auch zukünftig möglichst breite Bevölkerungsschichten an diesen Vorteilen teilhaben".

Die Banken sind bei den Konjunkturerwartungen etwas skeptischer. Die Wirtschaftsleistung werde 2017 um nur 1,2 Prozent zulegen nach 1,8 Prozent in diesem Jahr, teilte der Bundesverband deutscher Banken mit. Allerdings falle der Rückgang durch Kalendereffekte auf den ersten Blick stärker aus, als er tatsächlich sei. So stünden in diesem Jahr mehr Arbeitstage zur Verfügung als im nächsten. Klammere man den Effekt aus, sinke das Wachstum nur von 1,7 auf 1,5 Prozent.

Positive Nachrichten auch von den Maschinenbauern: Nach der Auftragsflaute im Juli sind die Bestellungen im August real um zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, wie der Branchenverband VDMA in Frankfurt berichtete. Aus dem Inland kamen 8 Prozent mehr Order. Die Aufträge aus dem Ausland sanken dagegen leicht./sl/cat/mar/DP/tos

(AWP)