Kapitaldecke von Unicredit schrumpft trotz überraschend hohem Gewinn

(Ausführliche Fassung)
03.08.2016 15:48

MAILAND (awp international) - Die Kapitalpuffer der angeschlagenen italienischen Grossbank Unicredit sind im zweiten Quartal trotz eines überraschend hohen Gewinns deutlich dünner geworden. Die harte Kernkapitalquote gab das Institut am Mittwoch nur noch mit 10,33 Prozent an, das sind gut 0,5 Prozentpunkte weniger als vor drei Monaten. Ein wichtiger Grund ist, dass die Bank latente Steueransprüche nicht mehr wie bisher als Eigenkapital anrechnen darf.

Unicredit-Aktien setzten daraufhin ihre Talfahrt der vergangenen Tage fort und rutschten um weitere vier Prozent ab. Nach einer kurzzeitige Aussetzung vom Handel erholten sich die Papiere etwas vom neuerlichen Schlag. Seit Jahresbeginn hat der Konzern fast zwei Drittel an Börsenwert verloren.

Hauptgrund für den Verfall ist das grosse Misstrauen von Anlegern in die Stabilität der Bank angesichts eines hohen Bestandes an faulen Krediten. Im zweiten Quartal machte die Bank beim Abbau dieser Problemanlagen zumindest leichte Fortschritte. Insgesamt bezifferte die Bank das Volumen der Kredite, bei denen die Rückzahlung unwahrscheinlich ist, auf 51,3 Milliarden Euro, davon sind 61,6 Prozent durch Rückstellungen abgesichert.

Unter dem Strich stand ein überraschend starker Anstieg des Überschusses von 75 Prozent auf 916 Millionen Euro. Dazu trugen beim Mutterkonzern der deutschen HypoVereinsbank vor allem mehrere Einmaleffekte bei. So lieferte allein der Verkauf der Anteile am europäischen Teil des Kreditkartenanbieters Visa 216 Millionen Euro. Umgekehrt belastete der laufende Konzernumbau. Im Tagesgeschäft legte die Bank dank Kostensenkungen ebenfalls etwas zu.

Europaweit haben in diesem Jahr unter Bankaktien nur die italienischen Konkurrenten Banco Popolare und Monte dei Paschi mehr verloren als Unicredit. Hauptgrund ist das grosse Misstrauen von Anlegern in die Stabilität der Institute. Die Banken des Landes schieben faule Kredite von 360 Milliarden Euro vor sich her, fast jedes fünfte Darlehen wird nicht ordnungsgemäss bedient. Bislang scheute die Branche auch wegen nicht ausreichender Kapitalpuffer vor massiven Abschreibungen zurück.

Unicredit war deshalb im europäischen Stresstest am Freitag erheblich unter die Räder geraten, die harten Kernkapitalquote stürzte im Krisenszenario auf 7,1 Prozent ab - das war der schlechteste Wert unter den überprüften systemrelevanten Banken.

Seit Mitte Juli steht der französische Manager Jean-Pierre Mustier an der Unicredit-Spitze. Er trat die Nachfolge des im Mai geschassten Federico Ghizzoni an. Schon kurz nach Amtsantritt verkaufte Mustier ein Aktienpaket an der polnischen Bank Pekao und der Online-Tochter Fineco, um die dünnen Kapitalpuffer aufzupolstern.

Am Mittwoch gab der Franzose nun den Verkauf des Geschäfts mit der Abwicklung von Bank- und Kreditkartentransaktionen in Deutschland, Österreich und Italien an die italienische Firma Sia bekannt. Das beschert Unicredit einen Gewinn von rund 440 Millionen Euro ein. Durch die beiden Verkäufe soll die harten Kernkapitalquote auf rund 10,65 Prozent steigen. Mit hartem Eigenkapital können Banken Verluste abfedern.

Für den Abbau der faulen Kredite braucht Unicredit mehr Kapital. Es wird spekuliert, dass die Bank deshalb weitere Anteile an Pekao und Fineco abstossen könnte. Auch eine Kapitalerhöhung steht im Raum, allerdings dürfte das angesichts des Wertverfalls an der Börse ein schmerzhaftes Unterfangen für die derzeitigen Eigentümer werden./enl/jha/he

(AWP)