Katastrophen zehren an Hannover-Rück-Gewinn - Aktie verliert deutlich

(Ausführliche Fassung)
04.08.2016 12:02

HANNOVER (awp international) - Die Waldbrände in Kanada und die Erdbeben in Japan und Ecuador haben dem Rückversicherer Hannover Rück überraschend deutlich getroffen. Im zweiten Quartal fiel der Überschuss im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 15 Prozent auf knapp 215 Millionen Euro, wie der Konkurrent des Weltmarktführers Munich Re am Donnerstag mitteilte. Für 2016 sieht Vorstandschef Ulrich Wallin das Unternehmen dennoch auf Kurs, wie geplant mindestens 950 Millionen Euro Gewinn einzufahren. Und Finanzvorstand Roland Vogel winkt den Aktionären mit der steigenden Aussicht auf eine weitere Sonderdividende.

An der Börse verfingen die positiven Aussagen jedoch nicht. Am Vormittag verlor die Hannover-Rück-Aktie zuletzt 7,50 Prozent an Wert auf 84,30 Euro und war damit mit Abstand grösster Verlierer im MDax . Der weltweit drittgrösste Rückversicherer habe die Erwartungen in fast allen Belangen verfehlt, urteilte Analyst Vikram Gandhi von der französischen Bank Societe Generale.

Mit Abstand am teuersten zu stehen kamen die Hannover Rück mit rund 132 Millionen Euro die Zerstörungen durch die Waldbrände in Kanada, gefolgt von den Erdbeben in Ecuador und Japan. Sturmtief "Elvira" und andere Unwetter, die vor allem in Deutschland und Frankreich im Mai und Juni für hohe Schäden sorgten, hinterliessen mit knapp 12 Millionen Euro vergleichsweise geringe Spuren in den Quartalszahlen des Rückversicherers.

Die Grossschäden seien in den drei Monaten rund 130 Millionen Euro höher ausgefallen als erwartet, sagte Finanzchef Vogel. Das entspricht ziemlich genau den Waldbrand-Schäden aus Kanada. Auf das erste Halbjahr gesehen reichte das Grossschadenbudget nach einem glimpflich verlaufenen ersten Quartal jedoch aus, und für das Gesamtjahr macht sich Vogel noch keine Sorgen. "Wenn das Schadenaufkommen über eine Milliarde betragen würde, hätte das sicher auch Auswirkungen auf unser Gewinnziel", sagte er. Offiziell hat die Hannover Rück in diesem Jahr 825 Millionen Euro für Grossschäden eingeplant, verfügt aber laut Vogel noch über weitere Reserven in der Bilanz.

Trotz der Grossschäden reichten die Beitragseinnahmen im Schaden- und Unfallgeschäft im zweiten Quartal aus, um die Aufwendungen für Schäden, Verwaltung und Vertrieb zu decken. Die kombinierte Schaden-Kosten-Quote verschlechterte sich zwar von 95,0 auf 96,1 Prozent, blieb aber noch deutlich unter der kritischen 100-Prozent-Marke.

Unterdessen versucht die Hannover Rück weiterhin mit dem Preisdruck in der Schaden-Rückversicherung zurechtzukommen. Bei der jüngsten Vertragserneuerung in Nordamerika machte der Vorstand beim Preisverfall in mehreren Bereichen eine zunehmende Bodenbildung aus. Dennoch seien dies "keine Bedingungen, unter denen wir wachsen wollen", sagte Vogel. So hält sich der Rückversicherer beim Abschluss neuer Verträge zurück und erwartet, dass die Bruttoprämieneinnahmen im laufenden Jahr währungsbereinigt höchstens das Niveau des Vorjahres erreichen.

Zudem machten sich die anhaltenden Niedrigzinsen und die Börsenturbulenzen rund um das Brexit-Referendum bemerkbar. Das Kapitalanlageergebnis ging im zweiten Quartal um sieben Prozent auf 745 Millionen Euro zurück. Für 2016 erwartet Vogel weiterhin, dass die Kapitalanlagerendite auf 2,9 Prozent zurückgeht.

Um den Rückgang abzufedern setzt das Unternehmen auf gut bewertete, aber niedrig verzinste Staatsanleihen und zu einem kleinen Teil auf höherverzinste Unternehmensanleihen niedrigerer Bonität. Vom Votum der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union erwartet die Hannover Rück vorerst keine sonderlichen Auswirkungen auf ihr Geschäft.

Die Aktionäre der Hannover Rück können sich trotz aller Herausforderungen auf eine weitere Sonderdividende einstellen. "Sollte nicht die Welt untergehen, weder auf der Schaden- noch auf der Kapitalanlageseite, dann ist die Wahrscheinlichkeit für eine Sonderdividende wieder deutlich gestiegen", sagte Vogel. Das Unternehmen hatte zuletzt bereits für 2012, 2014 und 2015 eine Sonderdividende gezahlt und könnte auch für 2016 mehr als die üblichen 35 bis 40 Prozent des Jahresgewinns an die Anteilseigner ausschütten./stw/stb/fbr

(AWP)