Kreise: Linde spricht mit US-Konkurrent Praxair über Zusammenschluss

(Ausführliche Fassung)
16.08.2016 10:08

MÜNCHEN (awp international) - Der Industriegase-Spezialist Linde lotet offenbar ein Zusammengehen mit seinem US-Konkurrenten Praxair aus. Angestrebt werde eine Fusion unter Gleichen, erfuhr die Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX am Dienstag aus Finanzkreisen. Zuvor hatte das "Wall Street Journal" über Gespräche zwischen den beiden Konzernen berichtet. Wie weit die Gespräche sind ist unklar, auch welche wettbewerbsrechtlichen Hürden sich ergeben könnten. Klappt das Geschäft, dann könnte ein neuer Weltmarktführer für Industriegase entstehen.

Ein Linde-Sprecher wollte die Informationen auf Nachfrage nicht kommentieren. An der Börse sorgten sie allerdings für Bewegung. Die Linde-Aktie, die bereits vorbörslich um gut drei Prozent zulegte hatte, gewann kurz nach dem offiziellen Handelsstart 5,71 Prozent.

BEIDE KONZERNE ERGÄNZEN SICH

Praxair wurde 1907 gegründet und ist eigenen Angaben zufolge der grösste Industriegase-Hersteller auf dem amerikanischen Kontinent und kam zuletzt auf einen Jahresumsatz von 10,8 Milliarden US-Dollar (9,6 Mrd Euro). Linde erzielte 2015 rund 18 Milliarden Euro Umsatz. Gemessen am Marktwert hat Praxair mit 33,7 Milliarden US-Dollar allerdings die Nase leicht vorn. Die Münchener kamen - vor Bekanntwerden der Gespräche - nur auf 25,9 Milliarden Euro (28,9 Mrd Dollar).

Ein Zusammengehen scheint Analysten strategisch sinnvoll. Linde könne sein Gasegeschäft in den USA aufwerten, wo Praxair stärker vertreten ist, schrieben die Experten der Commerzbank. Die Amerikaner könnten im Gegenzug von Lindes Stärke auf dem Gesundheitsmarkt profitieren. Die Baader Bank sieht zudem Einsparpotenzial durch den Abbau von Überkapazitäten und geht bei einem Zusammenschluss von Synergien von bis zu 800 Millionen Euro aus.

LINDE WILL WIEDER MARKTFÜHRER WERDEN

Der weltweite Gasemarkt ist in Bewegung, vor allem die Grossen liefern sich ein Rennen um die Weltspitze. Linde hatte seinen globalen Spitzenplatz an den französischen Rivalen Air Liquide abtreten müssen, nachdem dieser in diesem Jahr das US-Unternehmen Airgas geschluckt hatte. Die Franzosen kommen so auf Jahreserlöse in Hohe von mehr als 20 Milliarden Euro. Jahre zuvor hatte Linde allerdings Air Liquide mit der Übernahme des britischen Gasekonzerns BOC überrundet.

Linde-Chef Wolfgang Büchele machte zuletzt keinen Hehl daraus, dass aus seiner Sicht Air Liquide nicht lange die Nase vorn haben wird. "Es ist unser klares Ziel, wieder Marktführer zu werden, und das ist in absehbarer Zeit erreichbar", sagte er Anfang Mai in einem Interview. Wettbewerb beflügele.

Eine mögliche Fusion zwischen Linde und Praxair wirft Analysten zufolge kartellrechtliche Fragen auf, die in Finanzkreisen aber als handhabbar eingestuft wurden. Auch Air Liquide und Airgas hatten einige Geschäftsteile abgeben müssen, damit die gemeinsame Marktmacht nicht zu gross wird./she/men/stb

(AWP)