Linde will Sparkurs deutlich verschärfen - Zahlen leicht über Prognosen

(Ausführliche Fassung)
28.10.2016 09:43

MÜNCHEN (awp international) - Nach einem durchwachsenen dritten Quartal will der Gase-Hersteller Linde seinen Sparkurs deutlich verschärfen. Mit einem weiteren Programm sollen ab 2019 zusätzlich 370 Millionen Euro jährlich eingespart werden, wie die im Dax notierte Gesellschaft am Freitag in München mitteilte. Mit dem bereits laufenden Programm erhöhe sich das jährliche Einsparziel damit auf rund 550 Millionen Euro. Doch zunächst einmal kostet der Umbau Geld: Das Management rechnet im laufenden und kommenden Jahr insgesamt mit 400 Millionen Euro an Kosten.

Geplant sei eine Vielzahl von zusätzlichen Massnahmen, sagte der scheidende Unternehmenschef Wolfgang Büchele. Damit solle die Effizienz erhöht werden. Eine Überprüfung der strategischen Ausrichtung und der Strukturen habe ergeben, dass das Unternehmen insgesamt auf dem richtigen Weg sei. Laut einem Pressebericht der "Wirtschaftswoche" plant Linde auch einen Stellenabbau. Linde beschäftigt weltweit gut 65 000 Mitarbeiter, davon 8 000 in Deutschland. Das angekündigte Sparprogramm kam an der Börse gut an. Die Aktie verteuerte sich im frühen Handel um gut 3 Prozent.

PREISDRUCK IM US-MEDIZINGASE-GESCHÄFT BELASTET

Linde bekommt in seiner grösseren Sparte Gase den Preisdruck im US-Medizingeschäft zu spüren, aber auch die schwächere Nachfrage aus der verarbeitenden Industrie in Australien. Dem kleineren Anlagenbau machen zudem der niedrige Ölpreis, Überkapazitäten und die daraus resultierende Zurückhaltung von Kunden zu schaffen. Im dritten Quartal ging der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) um 2,2 Prozent auf 1,01 Milliarden Euro zurück. Hinzu kamen negative Währungseffekte. Noch vor einem Jahr hatte Linde von einem schwächeren Euro profitiert. Die Auftragslage im Anlagenbau stabilisierte sich hingegen auf niedrigem Niveau.

Unter dem Strich blieben bei dem auf die Aktionäre entfallenden Gewinn mit 313 Millionen Euro aber 11,4 Prozent mehr hängen. Der Umsatz schrumpfte um 2,4 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro. Mit seinen Kennzahlen übertraf das Unternehmen leicht die Erwartungen der Analysten. Beim Ausblick bleibt Linde weiter vage. Für 2016 peilt der Gase-Spezialist weiter einen währungsbereinigten Zuwachs bei Umsatz und operativem Ergebnis (Ebitda) von bis zu vier Prozent an. Sollte es aber schlecht laufen, dann könnten Umsatz und Ebitda auch um bis zu drei Prozent schrumpfen.

VERLUST VON VORSTÄNDEN

Linde hat ein turbulentes Quartal hinter sich: Erst platzten die Fusionsgespräche mit dem US-Konkurrenten Praxair, dann folgte der Verlust von gleich zwei Vorständen. Finanzvorstand Georg Denoke, der als Gegner der Fusion galt, musste mit sofortiger Wirkung gehen. Aber auch Vorstandschef Wolfgang Büchele verlässt den Konzern im kommenden Jahr. Der damalige Unternehmenschef und heutige Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle muss nun schnell einen Nachfolger für den Posten finden.

Das Verhältnis zwischen Denoke, der vor zehn Jahren unter Reitzle in den Linde-Vorstand gekommen war, und dem ehemaligen BASF -Manager Wolfgang Büchele galt als angespannt. Zuletzt hatte der Finanzchef Insidern zufolge im Hintergrund gegen den Zusammenschluss mit Praxair gearbeitet. Dies habe die Position von Linde bei den Verhandlungen mit dem US-Konkurrenten geschwächt. Ursprünglich war eine Fusion unter gleichen angestrebt worden, zum Schluss aber hätten die Vorteile für Praxair überwogen.

GEPLATZTE FUSIONSGESPRÄCHE

Die Vertreter der Anteilseigner im Linde-Aufsichtsrat hatten empfohlen, die vorläufigen Fusionsgespräche mit dem US-Wettbewerber zu beenden. Man sei sich bei der Wahl des Firmensitzes und der Struktur des fusionierten Unternehmens nicht einig geworden, hiess es offiziell. Bei einer Fusion von Linde mit Praxair wäre möglicherweise der sehr erfolgreiche Praxair-Chef Stephen Angel an die Spitze des gemeinsamen Konzerns gerückt.

Hätte der Zusammenschluss mit Praxair geklappt, wäre ein neuer Weltmarktführer für Industriegase entstanden. Linde hatte seinen globalen Spitzenplatz an den französischen Rivalen Air Liquide abtreten müssen, nachdem dieser in diesem Jahr den US-Konkurrenten Airgas geschluckt hatte./mne/jha/stb

(AWP)