Munich-Re-Tochter Ergo kommt mit Umbau voran - Knackpunkt IT

(Ausführliche Fassung) - Der Düsseldorfer Versicherer Ergo kommt mit seiner milliardenschweren Sanierung voran. "Bis zum Jahresende werden Netto-Kosteneinsparungen von knapp 100 Millionen Euro erreicht sein", sagte der Finanzchef der Munich-Re-Tochter, Christoph Jurecka, ein Jahr nach Start des Umbauprogramms am Donnerstag in Düsseldorf. Der geplante Stellenabbau von netto rund 1800 Jobs sei bereits gut zur Hälfte vollzogen. Beim Umbau des Vertriebs gebe es deutliche Fortschritte, sagte Ergo-Chef Markus Riess. Bei der Neuorganisation der Computersysteme liege aber "noch ein gutes Stück Weg vor uns".
01.06.2017 14:43

Der Aktie des weltgrössten Rückversicherers Munich Re , zu dem der Erstversicherer Ergo gehört, verhalfen die Nachrichten nicht deutlicher nach oben. Am Nachmittag lag der Kurs noch mit 0,12 Prozent im Plus bei 176,207 Euro und damit im Mittelfeld des Dax .

Riess, der 2015 von Europas grösstem Versicherer Allianz nach Düsseldorf gekommen war, will Ergo mit dem Umbau für die digitale Welt rüsten. Der eigene Vertrieb wird gestrafft, Online-Angebote deutlich ausgebaut.

Vom Umbau der IT-Systeme sei erst rund ein Fünftel geschafft, sagte Riess. Überhaupt seien die Computersysteme das "dickste Brett", das bei Ergo zu bohren sei. Das Unternehmen hatte sich wegen fehlerhafter Berechnungen in der Vergangenheit bereits teuren Ärger eingehandelt. Noch sei offen, ob Ergo die bestehenden Computersysteme umrüste oder etwas völlig Neues einführe, liess der Manager wissen. Eine Entscheidung soll in den kommenden Monaten fallen.

Hintergrund des Umbaus ist der Siegeszug des Internets, der das Versicherungsgeschäft radikal verändert. Riess will noch in diesem Jahr mit Nexible einen rein digitalen Versicherer an den Start schicken. Die Vertriebsorganisationen des Versicherers, zu dem auch die Deutsche Krankenversicherung DKV, die Europäische Reiseversicherung und D.A.S. Rechtsschutz gehören, wurden zu einer einzigen zusammengeführt. Viele Standorte fallen weg.

Ziel ist vor allem, die seit Jahren schwächelnden Gewinne des Konzerns nach oben zu treiben. Nach dem Verlustjahr 2016, in dem Abfindungen für den Stellenabbau aufs Ergebnis drückten, soll Ergo 2017 mit 150 bis 200 Millionen Euro in die Gewinnzone zurückkehren. Im Jahr 2021 soll das Ergebnis über die Marke von 600 Millionen Euro klettern. Dazu sollen auch Teile des Krankenversicherungsgeschäfts im Ausland beitragen, die Ergo jüngst vom Mutterkonzern übernommen hat.

Von den geplanten Einsparungen in Höhe von netto 279 Millionen Euro will die Ergo-Führung bis Jahresende knapp 100 Millionen schaffen. Der Dreh an der Kostenschraube sei in Wirklichkeit etwa doppelt so stark, erläuterte Finanzchef Jurecka. Denn rund die Hälfte der Kostensenkungen kommt den Kunden zugute. Auch die Kosten des Umbauprogramms, die Ergo für sich mit rund einer Milliarde Euro beziffert, fallen in Wirklichkeit viel höher aus.

Im Zuge der Neuaufstellung will das Management die Verwaltungskosten in der Schaden- und Unfallversicherung von zuletzt bis zu 34 Prozent auf unter 30 Prozent der Beitragseinnahmen drücken. Damit lägen sie immer noch mehrere Prozentpunkte höher als bei Riess' früherem Arbeitgeber Allianz. Der Manager baut dabei auf eine stärkere Automatisierung der Abläufe und sondiert Möglichkeiten, künstliche Intelligenz in der Schaden- und Leistungsbearbeitung einzusetzen.

In der von den Niedrigzinsen gebeutelten Lebensversicherung fasst Riess für das kommende Jahr einen Neustart ins Auge. Dann wolle Ergo in der betrieblichen Altersvorsorge mit kapitalmarktnahen Produkten auf den Markt zurückkehren. Zudem soll das Unternehmen weitere Auslandsmärkte erschliessen.

Die klassische Lebensversicherung mit Garantiezins will Riess wie geplant Anfang 2018 aufs Abstellgleis schicken. Dann wandern die Vertragsbestände der Töchter Victoria Leben, Ergo Leben und Ergo Pensionskasse in eine eigene Einheit, und die junge Tochter Ergo Vorsorge kümmert sich um neue Produkte mit weniger Garantien.

Riess kann sich weiterhin vorstellen, dass Ergo unter diesem Dach künftig auch alte Vertragsbestände anderer Lebensversicherer verwaltet und zu Ende führt. Noch gebe es dazu aber keine Gespräche mit anderen Versicherern. Auch einen Verkauf dieser Sparte schloss Riess nicht aus. Allerdings sei eine Trennung auch nicht sein Ziel./stw/mis/jha/

(AWP)