Nowotny: Notenbanken müssen Märkte manchmal auch enttäuschen

Der scheidende Notenbankchef Österreichs, Ewald Nowotny, hat sich für das Primat der Notenbanken gegenüber den Finanzmärkten ausgesprochen. "Ich bin der Auffassung, dass Notenbanken die entscheidende Institution sein sollen, die von daher auch manchmal Märkte enttäuschen müssen", sagte Nowotny im Interview mit der "Wiener Zeitung" (Donnerstagsausgabe). Der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) und Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) wird am 1. September das Amt an seinen Nachfolger Robert Holzmann übergeben.
29.08.2019 07:38

Der OeNB-Chef sieht die führenden Notenbanken der Welt generell in einer Debatte, wie weit sie die Erwartungshaltungen der Märkte selbst bestimmen sollen. "Aus meiner Sicht sind wir in den vergangenen Jahren vielleicht zu intensiv den Erwartungen der Märkte gefolgt."

Die Veränderungen seit seinem Amtsantritt vor 11 Jahren seien "enorm", so der Ökonom. "Die Bilanzsummen der Notenbanken wurden massiv ausgeweitet, der Bankensektor wurde erst stark dereguliert und dann stark - manche sagen: zu stark - re-reguliert. Es gibt in der Geldpolitik völlig neue Instrumente und wir haben den Versuch der Beeinflussung der Erwartungen auf den Märkten durch die 'Forward Guidance'".

Christine Lagarde, designierte Nachfolgerin Mario Draghis an der EZB-Spitze, könnte eine Neujustierung der Politik der Europäischen Zentralbank durchführen, meint Nowotny. Im Fachjargon der Notenbanken nennt man dies "Policy Review", der letzte solche Schritt erfolgte in der EZB im Jahr 2003. Anlass sind die erheblichen Tendenzen zu einem starken Abwärtstrend bei der natürlichen Inflationsrate.

Nowotny verweist auf eine breite Diskussion, ob das Inflationsziel von knapp zwei Prozent als Punktziel zu sehen sei oder ob man das nicht besser in einer gewissen Breite betrachten sollte. Eine weitere wichtige Frage sei die nach der Effektivität der Instrumente: Was sind die Wirkungen von negativen Einlagenzinsen bei der EZB, was sind die möglichen Nebenwirkungen. Der "New Monetary Theory" in den USA, wonach der Staat seine Ausgaben nicht "finanzieren" müsse, weil er über die Notenbanken unbegrenzt neues Geld schöpfen könne, erteilt Nowotny eine Absage: "Wir in Europa bevorzugen eher einen vorsichtigen Weg; zudem gibt es den grossen Unterschied, dass sich die USA in ihrer eigenen Währung verschulden, während technisch gesehen der Euro für jeden Staat der Eurozone eine Fremdwährung ist, weil er keinen Zugriff auf seine Notenbank hat.

Österreich sei in einer guten Position, sagte Nowotny. Er verwies auf die Versteigerung einer Staatsanleihe mit einer Laufzeit von 100 Jahren, die mehrfach überzeichnet an den Markt gebracht wurde. Dies sei ein grosser Vertrauensbeweis, so der Notenbankchef. In der Finanzkrise 2009 sei es gelungen, mit der "Vienna Initiative" von Notenbanken, EU und anderen Institutionen die kritische Situation zu stabilisieren und schliesslich zu überwinden. "Heute ist Osteuropa wieder ein Wachstums- und Profitabilitätszentrum für die heimischen Banken", resümiert Nowotny.

Pläne für sein Leben nach dem Abtritt von der OeNB-Spitze hat der 75-Jährige auch schon: Er wolle ein Buch schreiben und künftig nicht mehr so vorsichtig wie ein Notenbanker, sondern "wilder" denken./gru/stf/APA/jkr

(AWP)