Raiffeisen leidet kaum unter Affäre Vincenz - Leicht tieferer Gewinn

(Mit weiteren Angaben ergänzt) - Das Geschäft der Raiffeisen-Gruppe hat im ersten Halbjahr 2018 kaum unter der Affäre Vincenz gelitten. Es wurden Neugelder angezogen, und das Hypothekengeschäft wuchs schneller als der Markt. Unter dem Strich steht gleichwohl ein leicht tieferer Gewinn.
22.08.2018 12:43

Die Turbulenzen rund die die Corporate-Governance-Themen fänden in den Zahlen keinen Niederschlag, betonte die Bankengruppe am Mittwoch im Semesterausweis. Sie sprach damit die Affäre um den früheren Firmenchef Pierin Vincenz an, gegen den wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung ermittelt wird.

Im eigentlichen Bankengeschäft sei eine anhaltend positive Entwicklung verzeichnet worden, hiess es weiter. Insgesamt seien die Halbjahreszahlen "ausgezeichnet".

Wichtige Geschäftskennzahlen zeigen tatsächlich nach oben. So nahmen die verwalteten Kundenvermögen gegenüber Ende 2017 um 0,5 Prozent auf 210,5 Milliarden Franken zu. Der Netto-Neugeldzufluss wurde mit 2,2 Milliarden angegeben. Und die Hypothekarausleihungen stiegen um 2,1 Prozent auf 176,3 Milliarden, was laut Raiffeisen über dem Marktwachstum lag.

Zinsengeschäft wirft mehr ab

Der Geschäftsertrag stieg im Vorjahresvergleich um 0,5 Prozent auf 1,64 Milliarden. Insbesondere die Erträge aus dem wichtigen Zinsgeschäft (+1,6%), das mehr als zwei Drittel zum Ertrag beisteuert, nahmen zu. Auch die beiden anderen wichtigen Ertragspfeiler, das Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft (+3,9%) und das Handelsgeschäft (+2,0%) entwickelten sich positiv.

Profitiert hat die Gruppe ausserdem von einer hohen Dividendenausschüttung bei Aduno, wie es weiter hiess. Rückläufig war hingegen der "übrige ordentliche Erfolg", was mit buchhalterischen Effekten rund um die Einführung des neuen Kernbankensystems erklärt wurde.

Höhere Wertberichtigungen

Unter dem Strich steht trotz der höheren Einnahmen ein 2,7 Prozent tieferer Geschäftserfolg von 517,0 Millionen und ein 4,1 Prozent tieferer Reingewinn von 416,3 Millionen Franken.

Der Grund für die geringere Profitabilität waren höhere Personalkosten sowie höhere Wertberichtigungen auf Beteiligungen, wobei dazu vorderhand keine weiteren Angaben gemacht wurden.

Notenstein-Effekte im zweiten Semester

Der Ausblick auf die zweite Jahreshälfte ist vage. Das herausfordernde Tiefzinsumfeld und der Druck auf die Zinsmargen werde anhalten, schrieb das Institut. Der Verkauf der Privatbanken-Tochter Notenstein La Roche an Vontobel werde sich grösstenteils im zweiten Halbjahr auswirken, hiess es weiter. Der Verkauf war Anfang Juli über die Bühne gegangen.

Raiffeisen geht zudem davon aus, die Anforderungen für inländische systemrelevante Banken (TLAC; per Anfang 2026) aus eigener Kraft und ohne ausserordentliche Mittelbeschaffung zu erfüllen.

Keine neuen Namen

Keine Neuigkeiten gab es zur personellen Erneuerung der Bank. Es wurde weder ein Kandidat für das Verwaltungsratspräsidium genannt, noch ein neuer Konzernchef vorgestellt. Die Suche nach einem neuen Firmenchef laufe "mit Hochdruck", hiess es lediglich. Die noch nicht umgesetzten Verbesserungen in der Corporate Governance würden zudem zügig realisiert, schrieb die Gruppe.

Bekanntlich hatte Konzernchef Patrik Gisel im Juli seinen Rücktritt auf Ende Jahr angekündigt. Ende Juli hatte zudem Interims-Präsident Pascal Gantenbein seinen Verzicht auf das Verwaltungsratspräsidium angekündigt; er will aber Mitglied des Gremiums bleiben.

Die Raiffeisen-Gruppe ist seit Monaten wegen der Affäre um den früheren Chef Pierin Vincenz in den Schlagzeilen. Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft ermittelt gegen Vincenz wegen möglicher ungetreuer Geschäftsbesorgung. Der Banker, der 17 Jahre an der Spitze von Raiffeisen war, soll bei Firmenübernahmen der Kreditkartengesellschaft Aduno und der Investmentgesellschaft Investnet ein Doppelspiel gespielt und persönlich abkassiert haben. Er sass deswegen während rund 15 Wochen in Untersuchungshaft.

rw/ra

(AWP)