Siemens stimmt auf weniger Schwung ein - Aktie auf Hoch seit 2008

(neu: Aktienkurs aktualisiert, Aussagen aus Pressekonferenz, Analystenstimmen.)
10.11.2016 12:57

MÜNCHEN (awp international) - Der Elektrokonzern Siemens rechnet nach dem Schwung des abgeschlossenen Jahres mit mehr Gegenwind. Vorstandschef Joe Kaeser sprach am Donnerstag von unsicheren Aussichten fürs Geschäft und für das Investitionsklima. Die Prognose für das gerade begonnene Geschäftsjahr 2016/17 (Ende September) sei ambitioniert und lasse nicht viel Raum für Fehler. Dabei rechnen viele Branchenexperten bei dem Münchener Dax-Konzern mit mehr Umsatz und Gewinn als das Unternehmen selbst. Dem Aktienkurs tat das keinen Abbruch: Das Papier legte bis zum Mittag um 4,5 Prozent zu und markierte einen Höchststand seit Anfang 2008.

Analyst Ingo-Martin Schachel von der Commerzbank sagte, die vorsichtige Prognose dürfte die Erwartungen am Markt kaum trüben. Vor allem nach dem enttäuschenden Ausblick des Schweizer Konkurrenten ABB Ende Oktober war auch bei Siemens mit mehr Druck auf die Geschäftsentwicklung gerechnet worden.

AUSBLICK VORSICHTIG - ABER ANALYSTEN DENNOCH ZUVERSICHTLICH

Konkret rechnet sich Siemens nach dem Plus von zuvor 6 Prozent nur noch einen geringen Zuwachs ohne Zukäufe und Wechselkurseffekte aus. Das bedeute "ein bis zwei Prozent", stellte Finanzchef Ralf Thomas klar. Auch bei der offiziellen Zielsetzung für den Gewinn je Aktie blieb das Management mit 6,80 Euro bis 7,20 Euro unter dem, was sich Analysten vorstellen.

Vergangenes Jahr waren es 6,74 Euro pro Papier - für die Anteilseigner insgesamt 5,45 Milliarden Euro - und damit mehr, als Siemens mit der zuletzt noch einmal erhöhten Prognose versprochen hatte. An den noch grösseren Gewinn aus dem Jahr 2014/15 kam Siemens zwar nicht heran - das aber nur, weil damals Anteilsverkäufe für hohe Sondererträge gesorgt hatten. Die Dividende soll von 3,50 Euro je Papier auf 3,60 Euro zulegen. Das lasse Raum, bei den Ausschüttungen auch künftig keinen Schritt zurück machen zu müssen, sagte Thomas.

US-WAHL FÜR MANAGEMENT KEIN STOLPERSTEIN

Die überraschende Wahl Donald Trumps zum nächsten US-Präsidenten wollte Kaeser nicht als Stolperstein für die Geschäfte verstanden wissen. Beobachter sorgen sich nach dem überraschenden Wahlausgang vor Änderungen in der US-Wirtschaftspolitik und dem Verhältnis etwa zum Iran. Ihn beunruhige der Brexit Grossbritanniens mehr als die Wahl Trumps zum Präsidenten, sagte wiederum Kaeser.

Bei der Medizintechnik macht Siemens mit einer geplanten Börsennotierung den nächsten Schritt, die Sparte auf eigene Beine zu stellen. Über Umfang und Zeitpunkt eines Börsengangs muss noch entschieden werden. Das hänge auch davon ab, wie aufnahmefähig der Markt sei, sagte Thomas. Die im Siemens-Konzern vergleichsweise profitable Sparte habe ihre Zukunft aber nach wie vor "unter dem Dach von Siemens", sagte er. Sinn der Suche nach externen Investoren ist ihm zufolge, für den hohen Investitionsbedarf auch in den kommenden Jahren gewappnet zu sein.

EINSPARUNGEN SOLLEN WEITER FRÜCHTE TRAGEN

Im neuen Jahr sollen die angeschobenen Kosteneinsparungen bei Siemens weiter greifen. Pro Jahr will das Unternehmen drei bis fünf Prozent produktiver werden. Die operative Marge im Industriegeschäft peilt der Konzern zwischen 10,5 und 11,5 Prozent an - im Vorjahr hatte sie bei 10,8 Prozent gelegen. Analysten erwarten im Schnitt bereits knapp 11,3 Prozent.

Derzeit sind die Bücher mit 113 Milliarden Euro an Aufträgen gut gefüllt. Bei rund vier Fünftel davon wisse Siemens schon jetzt, wann daraus Umsatz werde, sagte Thomas. Ausserdem versprächen die vorliegenden Bestellungen auch gute lukrative Deals. Im vierten Quartal verlor das Unternehmen im Vergleich mit dem starken Vorjahresquartal beim Auftragseingang wegen weniger Grossaufträgen etwas an Schwung.

FAST ÜBERALL LIEF ES RUND

Kaeser zeigte sich zufrieden mit der Bilanz des Vorjahrs. Der Umsatz war vor allem dank milliardenschwerer Kraftwerksaufträge in Ägypten und im Windkraftbereich um insgesamt 5 Prozent auf 79,6 Milliarden Euro gewachsen. Das operative Ergebnis im Industriegeschäft wuchs um 13 Prozent auf 8,7 Milliarden Euro, die Marge stieg um 0,7 Prozentpunkte auf 10,8 Prozent.

Acht von neun Sparten lieferten Ergebnisse im Rahmen der gesteckten Ziele ab, rund lief es vor allem auch in der Medizintechnik. In der Problemsparte mit grossen Antrieben und der Industrieautomatisierung fiel wegen Umbaukosten von 199 Millionen Euro im letzten Quartal dagegen ein operativer Verlust an. Siemens hatte hier rund 2500 Arbeitsplätze gestrichen, davon 2000 in Deutschland./men/mne/fbr

(AWP)