Studie: Big Pharma wächst langsamer - Roche, Novartis investieren am meisten

(Meldung um Aussagen aus der Telefonkonferenz ergänzt) - Die weltweit grössten Pharmakonzerne sind auch 2016 weiter gewachsen - allerdings mit gedrosseltem Tempo. Mit Blick auf die Ausgaben für Forschung und Entwicklung gehören die beiden Schweizer Grosskonzerne Roche und Novartis zu den Spitzenreitern. Insgesamt setzen die Konzerne nach wie vor insbesondere auf die Krebsforschung, wie aus einer Studie des Beratungsunternehmens EY vom Montag hervorgeht.
15.05.2017 14:38

Wie die Analyse der Finanzkennzahlen der 21 grössten Pharmakonzerne ergeben habe, hätten die Pharmakonzerne trotz des verlangsamten Umsatzwachstums ihre Profitabilität verbessert. Während die Umsätze 2016 bereinigt um Währungseffekte um 3,1% auf 445,4 Mrd EUR stiegen, erhöhten die Unternehmen ihr Operatives Ergebnis (EBIT, inklusive Nicht-Pharma-Teile) um 6,3% auf 156,7 Mrd EUR. Zum Vergleich: 2015 wiesen die Unternehmen noch ein Umsatzplus von 4,6% und ein EBIT-Wachstum von 6,1% aus.

Die EBIT-Marge wiederum liegt mit 27% für das Jahr 2016 über den 26% des Vorjahres. Allerdings ist hier ein deutliches Gefälle zwischen den Big Biotechs und den Big Pharmas auszumachen, betont Gerd Stürz, Partner und Life Sciences Leader EY Schweiz, vor Journalisten in der begleitenden Telefonkonferenz. Die Biotechs wie Gilead, Biogen, Amgen und Novo Nordisk weisen allesamt EBIT-Margen von mehr als 40% auf. Roche weist als einziges grosses Pharmaunternehmen eine Marge von etwas mehr als 30% auf.

ROCHE UND NOVARTIS BEI F&E-AUSGABEN FÜHREND

Deutlich rückläufig waren 2016 die Ausgaben für Forschung & Entwicklung. Wie die Studie zeigt, gaben die weltweit grössten Unternehmen zusammen 80,7 Mrd EUR aus. Währungsbereinigt entspricht das zwar einem Plus von 3,9% gegenüber 2015. Allerdings hatten die Unternehmen in dem Jahr ihre Investitionen gegenüber dem Vorjahr noch um 8,6% erhöht.

Wie die Studie hervorhebt, belegen Roche und Novartis mit Investitionen in Höhe von 7,7 Mrd bzw. 6,4 Mrd EUR in absoluten Zahlen die ersten Ränge. Der Experte Stürz betont, dass Novartis nach wie vor die Nummer zwei sei, obwohl der Pharmakonzern seine Ausgaben gegenüber 2015 um annähernd 6% gesenkt hat. Roche dagegen hat die Investitionen in die Pipeline 2016 gegenüber dem Vorjahr nochmals um 3,4% erhöht.

EIN FÜNFTEL DES UMSATZES GEHT IN F&E

Aber auch wenn die beiden Schweizer Konzerne in absoluten Zahlen führend sind, so ändert sich das Bild deutlich, wenn man die Forschungsausgaben ins Verhältnis zum Umsatz setzt. Denn hier ist der US-Konzern Eli Lilly führend. Nahezu jeden dritten Euro, den das Unternehmen umsetzt, investiert es in Forschung und Entwicklung. Von den 21 weltweit führenden Unternehmen stecken neun Konzerne mehr als 20% des Umsatzes in Forschung & Entwicklung - darunter auch Roche und Novartis.

Die hohen Ausgaben spiegeln sich auch in der Produktpipeline der Branche wider. Derzeit befinden sich laut Studie 4'606 Produkte in der klinischen Entwicklung, der Zulassungsphase II oder wurden in den Markt eingeführt. Gegenüber 2015 bedeutet dies einen nochmaligen Zuwachs um knapp 12%.

BIG PHARMA HAT WACHSTUMSPROBLEM

Dennoch ist das Fazit von Stürz eher kritisch: "Big Pharma gelingt es derzeit nicht, genügend neue Wirkstoffe auf den Markt zu bringen, die für deutliche Wachstumsschübe sorgen könnten".

Wie der Experte in diesem Zusammenhang noch hervorhebt, hätten Währungseinflüsse 2016 kaum eine Rolle gespielt. Im Vorjahr wiederum hätten die das Wachstum noch anschoben. "Nun wird noch deutlicher, dass Big Pharma ein Wachstumsproblem hat", so Stürz weiter. Die Branche präsentiere sich zudem uneinheitlich: So würden einige Unternehmen deutlich wachsen, während andere das Gesamtbild trübten.

Bei der regionalen Betrachtung hebt die Studie hervor, dass die US-Konzerne sich 2016 deutlich positiver als die Konkurrenz aus Europa entwickelt habe. So werde die Rangliste der Top Ten beim durchschnittlichen Umsatzwachstum für den Zeitraum 2014 bis 2016 von US-Namen dominiert. Die beiden Schweizer Schwergewichte seien in den vergangenen beiden Jahren unterdurchschnittlich gewachsen.

NEUE THERAPIEANSÄTZE LOCKEN IMMER MEHR FIRMEN IN KREBSFORSCHUNG

Bei der Entwicklung neuer Produkte fokussierten sich die Unternehmen auch weiterhin auf den bisherigen Hauptumsatzträger, die Krebsforschung. "Von den in der klinischen Entwicklung befindlichen Wirkstoffen sind 1'776 potenzielle Krebsmedikamente - das entspricht einem Anteil von 39% an allen Wirkstoffen" listet die Studie auf. Es folgen mit einigem Abstand Medikamente gegen Infektionen und zur Behandlung des zentralen Nervensystems.

Darüber hinaus stehen Krebsmedikamente mittlerweile für annähernd 29% aller Medikamentenumsätze der Top-21-Unternehmen. Gerade durch die jüngsten Fortschritte in der Forschung und den immer gezielteren Behandlungsansätzen bestehe hier weiterhin grosses Potenzial. Dies locke auch immer mehr Unternehmen an, was wiederum den Druck auf die beiden Schweizer Firmen verstärkt, die in der Onkologie sehr stark sind. "Zurzeit fliessen gut 30% der Umsätze mit Krebstherapeutika in die Taschen von Roche, Novartis hat einen Anteil von rund 12% am Weltmarkt."

ROCHE FÜHREND MIT BLOCKBUSTER-UMSÄTZEN

Hier ist auch noch erwähnenswert, dass Roche führend bei den Blockbustern ist. Das ist nicht überraschend, da Mittel wie Herceptin und Avastin nach wie vor Milliarden an Umsätzen einbringen. Das höchste Blockbuster-Umsatzwachstum wiederum verzeichnete dagegen 2016 Bristol-Meyers Squibb. Das liegt nicht zuletzt an dem grossen Erfolg, den der US-Konzern mit seinem Krebsmittel Opdivo erzielt.

Es wäre aber verkehrt, davon auszugehen, dass sich die Forschung fast ausschliesslich auf den Bereich Onkologie fokussiere, ist der Tenor der Telefonkonferenz. Gerade die Fortschritte, die zuletzt etwa wieder im Bereich der Alzheimer-Forschung gemacht wurden, hätten zu einer erhöhten Forschungsaktivität in diesem Bereich gesorgt.

hr/cp

(AWP)