Swissmem befürchtet keinen zusätzlichen Jobabbau durch Brexit

(Umgeschrieben und ergänzt nach Medienkonferenz)
30.06.2016 13:03

Zürich (awp/sda) - Swissmem-Präsident Hans Hess befürchtet kurzfristig keinen zusätzlichen Stellenabbau in der Schweizer Industrie durch den Brexit. Dies sagte der Präsident des Verbands der Maschinen- Elektro- und Metallindustrie Swissmem am Donnerstag am Rande des Industrietages in Zürich im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda.

Entscheidend seien die Folgen des Brexit für den Euro-Frankenkurs, sagte Hess. Am vergangenen Freitag, als der Brexit-Entscheid bekannt geworden sei, habe sich der Franken zunächst stark aufgewertet. Dann habe die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Lage wieder stabilisieren können.

"Es wird zu beobachten sein, ob die Verwerfungen der ersten Tage nachhaltig sind, oder ob sich der Euro-Kurs wieder auf 1,11 CHF zurückbewegt", sagte Hess: "Jeder Rappen ist am Schluss matchentscheidend für den Umsatz und den Cashflow. Jeder Rappen hilft den Unternehmen, wieder konkurrenzfähiger zu sein, genügend Geld zu verdienen und das wieder zu investieren", sagte Hess vor den Medien.

Die Auswirkungen des Brexit auf die Konjunktur mache ihm weniger Sorgen. Natürlich könne der Brexit auf die Schweizer Exporte nach Grossbritannien durchschlagen. Die machten aber nur 5 Prozent der gesamten Schweizer Exporte aus. "Wenn es da jetzt runtergehen sollte, wirft uns das nicht um", sagte Hess.

"Aber mir machen die politischen Aspekte Sorgen." Denn ich befürchte, dass die EU ziemlich mit sich selber und mit England beschäftigt sein wird. Ob die EU genug Zeit habe für die Schweizer Anliegen wie die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative oder das Forschungsprogramm Horizon 2020, sei fraglich.

11'000 JOBS VERNICHTET

Im vergangenen Jahr nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses von 1,20 CHF durch die SNB habe die Schweizer MEM-Industrie ungefähr 11'000 Arbeitsplätze verloren. "Die massive Überbewertung des Frankens hat unsere Industrie hart getroffen. Es hat aber auch ein Strukturwandel eingesetzt, der auch deutliche Spuren hinterlassen hat", sagte Hess.

Jetzt gelte es, die Chancen durch die Digitalisierung der Industrie - im Branchenjargon auch Industrie 4.0 genannt - zu nutzen, sagte Hess. Diese vernetzt immer mehr Geräte, Maschinen und Sensoren miteinander. Dadurch werden beispielsweise Prozesse verbessert und Produktionszeiten verkürzt sowie Wartungsarbeiten aus der Ferne ermöglicht. Es entstehen auch neue Geschäftsmodelle, die internetbasiert sind.

Die Industrie 4.0 bringe einen tiefgreifenden Wandel, sagte Hess. Sie biete aber die Chance, die Wettbewerbsfähigkeit des Werkplatzes Schweiz zu stärken. Sie werde einen entscheidenden Beitrag leisten, damit der Werkplatz Schweiz trotz starkem Franken sowie hohen Kosten und Löhnen auch künftig erfolgreich sein könne. Die Schweizer Industrie sei für die Digitalisierung gut aufgestellt.

KEIN KAHLSCHLAG BEI ARBEITSPLÄTZEN

Die Digitalisierung verändere die traditionellen Tätigkeiten in der Industrie und schaffe die Grundlagen für neue Geschäftstätigkeiten. "Sie wird aber nicht dazu führen, dass Roboter die Menschen ersetzen", sagte Hess.

"Es braucht weiter Menschen, die Roboter entwickeln, produzieren, programmieren und warten. Es braucht weiterhin Menschen, die die Daten auswerten. Es braucht Menschen, die diese Produkte weiterentwickeln und Prozesse verbessern", sagte Hess.

"Ich bin überzeugt, dass es in der Schweizer Maschinenindustrie bestimmt nicht zu einem Kahlschlag in der Beschäftigung kommt", sagte Hess. Das würden die Erfahrungen der Unternehmen zeigen, die Swissmem befragt habe. Weil diese Firmen durch die Digitalisierung konkurrenzfähiger geworden seien, hätten sie mehr Jobs schaffen können. "Das ist sehr erfreulich."

VIELE JOBS GEFÄHRDET

Allerdings würden sich die Jobs durch die Digitalisierung verändern. Die Aufgaben würden anspruchsvoller und vielseitiger. "Die wenigen langweiligen repetitiven Arbeiten, die es noch gibt in unserer Industrie, werden zunehmend verschwinden", sagte Hess.

Von den 330'000 Angestellten in der MEM-Industrie seien vielleicht 15% gering qualifiziert. "Ein Teil dieser Jobs wird gefährdet sein. Das sehen wir heute schon". "Deshalb müssen wir sicherstellen, dass wir durch entsprechende Bildungsinitiativen die Leute weiterbringen, die zu wenig qualifiziert sind. Das wäre gefährlich, wenn wir das nicht täten", sagte Hess.

(AWP)