Thyssenkrupp mit erneuter Gewinnwarnung - Aktie bricht ein

Die Zeiten für den kriselnden Essener Industriekonzern Thyssenkrupp bleiben unruhig: Das Unternehmen, das erst vor kurzem nach einer Personalrochade an der Konzernspitze seine Aufspaltung beschlossen hatte, kappt abermals seine Prognosen für das Ende September abgelaufene Geschäftsjahr 2017/18. Zur Begründung führt der Konzern das Kartellverfahren wegen möglicher Absprachen bei den Stahlpreisen an. Dafür werden Rückstellungen gebildet. Hinzu kommt die problematische Situation in einzelnen Geschäften. An der Börse knickte die Aktie am Freitagmorgen ein.
09.11.2018 09:21

Thyssenkrupp räumte in seiner Mitteilung vom Donnerstagabend auch - nicht näher genannte - Qualitätsprobleme im Komponentengeschäft ein, für die der Konzern nun ebenfalls finanzielle Vorsorge treffen will. Zudem rechnet Thyssenkrupp für das vierte Geschäftsquartal mit Einschränkungen in der Produktion und dem Versand bei Steel Europe und einem im Schlussquartal unter den bisherigen Erwartungen liegenden Ergebnis im Aufzuggeschäft. Der Bereich Elevator Technology zählt zu den wichtigsten und ertragreichsten Geschäftsfeldern des Konzerns.

Wegen der neuen Belastungen rechnet Thyssenkrupp für das Geschäftsjahr 2017/18 lediglich mit einem Überschuss von 100 Millionen Euro. Im Vorjahr hatte das Unternehmen noch 271 Millionen Euro eingefahren. Die Prognose für den bereinigten Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) wurde von 1,8 Milliarden auf 1,6 Milliarden Euro gesenkt. Erst im August hatte der Konzern seine Ebit-Prognose gesenkt. Die Zahlen für das gesamte Geschäftsjahr, das am 30. September abgelaufen ist, sollen wie bislang geplant am 21. November vorgelegt werden.

An der Börse knickten die Akten um fast sechs Prozent auf 17,92 Euro ein. Seit Jahresbeginn hat die Aktie damit gut ein Viertel an Wert eingebüsst. "Der negative Nachrichtenfluss nimmt einfach kein Ende", sagte ein Händler.

Grund für die verschlechterten Erwartungen seien neue Entwicklungen im Ermittlungsverfahren wegen möglicher Preisabsprachen für Grobblech und Qualitätsflachstahl, erläuterte der Konzern weiter. Im Verdacht stünden insbesondere Absprachen bei der Festlegung von Zu- und Aufschlägen. Man habe sich zur Bildung von Rückstellungen entschieden, da man nach derzeitiger Erkenntnislage "erhebliche nachteilige Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Konzerns nicht ausschliessen" könne. Thyssen treibe die Untersuchungen im Konzern "mit externer Unterstützung" voran.

Analyst Christian Obst von der Baader Bank zeigte sich überrascht. Die Risiken durch das Kartellverfahren seien eine Neuigkeit, schrieb er in einer Studie, ebenso wie die Qualitätsprobleme in der Komponentensparte und die niedrigeren Ergebnisse im Aufzuggeschäft. Dies alles komme nun noch zur Restrukturierung der Industriesparte hinzu. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass auch das Stahl-Joint-Venture mit Tata Steel noch nicht geschlossen sei und die geplante Aufspaltung sich rund 12 bis 18 Monate hinziehen könne. Für Analyst Luke Nelson von der US-Bank JPMorgan bleibt vor allem die unterdurchschnittliche operative Performance des Industriekonzerns ein wichtiges Thema.

Thyssenkrupp hat in diesem Jahr bereits einige turbulente Monate hinter sich. Im Sommer hatten Vorstandschef Heinrich Hiesinger und der Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Lehner das Handtuch geworfen. Der neue Vorstandsvorsitzende und frühere Finanzchef von Thyssenkrupp, Guido Kerkhoff, will den Traditionskonzern in zwei selbstständige börsennotierte Unternehmen aufspalten.

In dem einen Unternehmen werden die wachstumsträchtigeren Geschäfte um Aufzüge, Autokomponenten und den Anlagenbau zusammengefasst werden. Das andere Unternehmen wird aus dem Anteil an der künftigen Stahl-Gemeinschaftsfirma mit Tata Steel, dem Werkstoffhandel, den Grosswälzlagern, dem Schmiedegeschäft sowie dem Schiffbau bestehen.

Allerdings hatten die EU-Wettbewerbshüter erst kürzlich Bedenken gegen den Tata-Deal angemeldet und wollen diesen nun eingehend prüfen. Auch das Aufzuggeschäft machte zuletzt Schlagzeilen: Medienspekulationen zufolge steht Spartenchef Andreas Schierenbeck kurz vor der Ablösung, angeblich wegen "strategische Diskussionen über die Ausrichtung"./tav/mne/mis

(AWP)