Thyssenkrupp sucht Lösungen für Stahlgeschäft - Gewinn gesunken

(Neu: Aussagen aus der Telefonkonferenz, Sparprogramm)
11.08.2016 12:59

ESSEN (awp international) - Den Stahlarbeitern des Industriekonzerns Thyssenkrupp drohen angesichts der schwierigen Ertragslage neue Einschnitte. "Wir müssen uns dem Wettbewerb stellen", sagte Finanzvorstand Guido Kerkhoff am Donnerstag bei der Vorlage der Bilanz für das dritte Geschäftsquartal. Angesichts des Preisdrucks sei es wichtig, das Stahlgeschäft effizienter zu machen. "Wir sehen strukturelle Herausforderungen." Ob damit auch die Schliessung ganzer Werke verbunden sein könnte, wollte der Manager nicht konkret beantworten - auch nicht mit Blick auf besorgte Mitarbeiter. "Man muss auch einmal eine Periode einer gewissen Unsicherheit aushalten können."

Das "Handelsblatt" hatte zuvor berichtet, dass vor allem ein Warmwalzwerk in Bochum gefährdet sei, da dies im Konzernvergleich zu hohe Kosten habe. Aber auch für Werke im siegerländischen Kreuztal und in Gelsenkirchen könnte es eng werden. In der Diskussion sei auch die Zukunft der Duisburger Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM), die dem Ruhrkonzern zusammen mit Salzgitter und dem französischen Vallourec-Konzern gehören. Rund 27 000 der gut 155 000 Thyssenkrupp-Mitarbeiter sind im europäischen Stahlgeschäft beschäftigt.

GEWINNRÜCKGANG IM EUROPÄISCHEN STAHLGESCHÄFT

In den ersten neun Monaten des Ende September auslaufenden Geschäftsjahres sackte der operative Gewinn des europäischen Stahlgeschäfts von Thyssenkrupp um mehr als 40 Prozent auf 207 Millionen Euro ab. Ihre Kapitalkosten verdiente die Sparte damit laut Kerkhoff nicht. Grund ist ein erheblicher Preisrückgang. In den vergangenen Monaten zogen die Preise zwar wieder an. Das dürfte dem Konzern zumindest im Schlussquartal Auftrieb geben. Kerkhoff wollte aber keine Prognose wagen, ob diese Entwicklung nachhaltig ist. "Aktuell sehen wir eher eine Seitwärtsbewegung der Preise."

Eine Lösung der Probleme sieht Thyssenkrupp in einem möglichen Zusammenschluss seines europäischen Stahlgeschäfts mit dem des indischen Konkurrenten Tata Steel. Entsprechende Verhandlungen hatten beide Seiten zuletzt bestätigt. Damit verbunden ist die Hoffnung auf erhebliche Kostenvorteile. Kern des geplanten Verbunds dürften das Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburg und die Tata-Anlage im niederländischen Ijmuiden sein.

BESORGTE GEWERKSCHAFTEN

Den Gewerkschaften gehen die Pläne von Thyssenkrupp viel zu weit. Sie wollen Ende des Monats gegen neue Einschnitte im Stahlbereich demonstrieren. Die Arbeiter verzichten bereits seit 2014 auf Geld, seitdem gilt im Duisburger Gross-Stahlwerk eine 31-Stunden-Woche.

Die schwache Entwicklung im Stahlgeschäft bremste im dritten Quartal erneut den gesamten Konzern. Der Umsatz sackte verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um 12 Prozent auf 9,9 Milliarden Euro ab. Der operative Gewinn ging um 18 Prozent auf 441 Millionen Euro zurück. Unter dem Strich verdiente Thyssenkrupp 130 Millionen Euro, das ist rund ein Drittel weniger als vor einem Jahr. Aktien von Thyssenkrupp verloren am Donnerstag bis zum Mittag rund 0,7 Prozent und waren damit zweitschwächster Wert im Dax .

LICHTBLICK IN BRASILIEN

Neben dem Stahlgeschäft schwächelt auch die Anlagenbausparte Industrial Solutions. Dabei machte sich die Schwäche der Öl- und Bergbauindustrie bemerkbar. Ein Sparprogramm soll auch dieser Sparte wieder auf die Sprünge helfen. Für den Lichtblick sorgte mit dem brasilianischen Stahlwerk das grösste Sorgenkind des Konzerns. Erstmals seit zwei Jahren erwirtschaftete es wieder schwarze Zahlen.

An der vor drei Monaten gesenkten Prognose für das Ende September auslaufende Geschäftsjahr hielt der Konzern fest. Das Management erwartet einen Rückgang des bereinigten Ebit auf gut 1,4 Milliarden Euro. Zuvor lag das Ziel für dieses Geschäftsjahr bei 1,6 bis 1,9 Milliarden. Eine Milliarde hat Thyssenkrupp nach neun Monaten eingefahren. Im gesamten vergangenen Geschäftsjahr hatte der Konzern operativ knapp 1,7 Milliarden Euro verdient. Unter dem Strich rechnet das Unternehmen mit einem stagnierenden Ergebnis.

DÜNNE FINANZPOLSTER

Weiter angespannt bleibt die Finanzlage. Die Nettoschulden stagnierten wie im Vorquartal bei 4,8 Milliarden Euro. Das Eigenkapital ging noch einmal leicht auf 2,7 Milliarden Euro zurück. Damit liegt das Verhältnis der Schulden zum Eigenkapital bei sehr hohen 175 Prozent. Allerdings versicherte der Vorstand, dass die Quote bis Ende September wieder unter die kritische Marke von 150 Prozent sinken soll. Dies ist für einige Kreditverträge wichtig./enl/jha/stb

(AWP)